No last resort: Babylon von Ismaël, Youssef Chebbi und Ala Eddine Slim

“The authors of the film have chosen not to resort to subtitles”, heißt es zu Beginn des 2012 beim FID Marseille uraufgeführten und mit dem Grand Prix ausgezeichneten Babylon des Regie-Trios Ismaël, Youssef Chebbi und Ala Eddine Slim. Abgesehen von der spontan aufkommenden Verbindung zu Vertov und dessen Vorstellung einer sich von jeglichem nicht-filmischen Ballast befreiten Universalsprache Film, sticht in dieser Ankündigung das Wort “resort” hervor. Die Filmemacher haben sich entschlossen, sich nicht auf Untertitel zurück zu ziehen, sich nicht durch Untertitel abzusichern oder zu schützen. Sie haben sich damit auch entschlossen, uns die Krücke des sprachlichen Verstehens und das Gefühl von Sicherheit, das damit einhergeht zu entziehen. Gleich darauf eine Folge von Bildern, die von etwas Ähnlichem erzählt: Eine Pflanze, umgeben von Sandstein, geschützt von dem Wind, der auf der Tonspur durch das Kino fegt. Schrittweise bewegen sich die Einstellungen aus der Höhle hinaus, zeigen einen brüchigen Boden, danach eine Pflanze, einen Baum, Sträucher, Ameisen, einen Mistkäfer – alle dem Wind ausgesetzt. Diese Bewegung setzt sich fort. Der Boden wird von Maschinen aufgerissen, Gräben werden gezogen, ein Lager entsteht, die ersten Menschen tauchen auf.

Im Laufe des Films, der ein im Süden Tunesiens für kurze Zeit installiertes vorläufiges Lager für Flüchtlinge verschiedenster Nationalitäten aus Lybien vom Aufbau über den Bezug bis hin zum Abbau zeigt, wird der Wind nie aufhören. Dass wir das bemerken, hat mit der von Anfang an konsequent vollzogenen Perspektivverschiebung des Films zu tun, die dezidiert darauf ausgelegt ist, uns unserer Sicherheiten zu entledigen. Wo wir die Ohren nicht mehr brauchen, um Sprache zu verstehen und zu entschlüsseln, können wir auf Geräusche, Rhythmen und Dynamiken achten, wird das Ohr zu einem andersartig gestimmten Instrument. Gleich zu Anfang war das ja schon so: Ein Film über Flüchtlinge, der erstmal erzählt, was vor dem Lager war, der das Lager aus der Perspektive eines Landstrichs betrachtet, der Veränderungen unterworfen ist. Oft sitzt man da, und versteht nicht, was passiert: Das stundenlange Anstehen, immer und immer wieder, manchmal weiß man, warum (Essen, Registrierung, Arztbesuche), manchmal ahnt man es (Ab- und Weitertransport), ist sich aber nicht sicher. Die Gespräche, mal tendenziell freundschaftlich geführt, hier und da erhitzt, einmal auch ins Gewaltsame kippend, ohne das man den Grund kennt. Und weil diese einfachen Zusammenhänge undurchsichtig werden, wird es das ganze Gefüge dieser Stadt. Man sitzt im Kino und ist verunsichert, allein, tatsächlich auf sich zurückgeworfen. Und in dieser Verunsicherung beginnt man, einen anderen Film zu sehen, einen Film über Flucht, der sich radikal von den Versuchen des Fernsehens aber auch den meisten in den letzten Jahren vermehrt auftauchenden Kinoproduktionen unterscheidet, dieses “Phänomen” und die davon betroffenen Menschen zu verstehen oder uns näher bringen zu wollen.

Die Medienvertreter/innen, die diese Bilder für gewöhnlich schaffen, sind in dem Film auch zu sehen: Zum Beispiel stehen sie mit zwei Meter Entfernung hinter einer gespannten Schnur, mit viel Platz um sich herum und viel Zeit, “gute” Bilder zu machen, vor den dicht gedrängten Menschen auf der anderen Seite dieser Schnur. Überhaupt – auch das wird in der Verunsicherung viel sichtbarer – Seile, Leinen, Schnüre, Absperrungen, Stacheldraht. Der Versuch, die große Anzahl der Lagerbewohner (es sind im Film keine Frauen zu sehen) zu kontrollieren, zuzuordnen, handhabbar, verwaltbar zu machen. Genau das also, was der Film sich von Anfang an weigert zu tun.

Es wäre naiv zu behaupten, Babylon sei anders, nur weil wir „gefühlt“ mit den Menschen im Lager leben und z.B. aus ihrer Perspektive die anderen Medienvertreter sehen und begreifen, wie das so ist, angestarrt, abgelichtet und für Berichterstattungen verarbeitet zu werden. Auch die Filmemacher waren mit der Kamera im Lager. Sie mögen mit den Flüchtlingen gelebt haben, aber diese richten sich immer wieder an sie, werden als Möglichkeit wahrgenommen, eine Botschaft nach außen zu tragen, z.B. wenn eine aufgebrachte Gruppe von Menschen aus Bangladesh (in diesem Fall in englischer Sprache) in die Kamera hinein ihre Situation erläutert. Was Babylon wirklich außergewöhnlich macht, ist die Distanz, die der Film erzeugt, obwohl er mittendrin ist. Weil wir nicht tatsächlich verstehen, was vor sich geht, beginnen wir, uns erstmal darauf zu verlassen, was wir sehen. Und was wir sehen, ist das Entstehen einer Stadt aus dem Nichts, ein Finden von gesellschaftlichen Strukturen, wo kurz zuvor Staub und Ameisen waren, der Versuch einer großen Anzahl von Menschen unterschiedlichster kultureller Hintergründe und Sprachen, etwas aus ihrer Situation zu machen. Bevor sie am Ende des Films wieder Opfer der größeren Strukturen, die das Lager auflösen und die Leute weiterschicken, werden, sehen wir hier politische Subjekte, die handeln, die kämpfen, die sich widersetzen und etwas erschaffen, das weitaus größer, beeindruckender und mühsamer ist als das Aufstellen einer Infrastruktur aus Zelten, Betten, Toiletten und Medikamenten, die man in westlichen Breitengraden gerne als quantifizierbaren Beweis des eigenen Humanismus herbeizitiert.

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