Öffnung des Blicks: UNTERWEGS MIT MAXIM GORKIY von Kolja Kunt und Bernd Lützeler

Wie mit von vornherein schon problematischem, vorgefundenem Filmmaterial umgehen? Wie mit Bildern arbeiten, deren Reichtum und Bedeutungsvielfalt einem der näheren künstlerischen Untersuchung Wert scheinen, die man aber erst aus all dem “entgegenkommenden Sinn”, den die Bilder quasi “als erstes” generieren, heraus schälen muss (weil sie von bestimmten Diskursen durchdrungen scheinen und kaum in der Lage sind, einen Atmen zu generieren)? Kolja Kunts und Bernd Lützelers Found-Footage Arbeit Unterwegs mit Maxim Gorkiy setzt sich auf mitunter verwirrend klarsichtige Weise mit diesen Fragen auseinander. In einem zunehmend von diskursiver Vorsicht geprägtem Kunst-Umfeld, wo einzelne Werke von einer Vielzahl vermittelnder Arbeiten (Texten, Gesprächen, Para-Werken) flankiert werden – die theoretisieren, diskursivieren, reflektieren, das Werk absichern gegen jeden Angriff und es so oft auch reduzieren und austrocknen, ihm seinen Widerstand nehmen – fände sich hier ein Versuch, eine bildpolitisch aufgeladene Arbeit reflektiert aber eben nicht reduzierend zu gestalten, ihr den Funken der Provokation zu lassen, ohne dabei blind und unwissend um sich zu schlagen. 10 Minuten, 8mm Farbfilmmaterial in den schönsten, saftigsten, lebendigsten Farben, digitaler Ton – mehr braucht diese Arbeit nicht, um zugleich klug und verunsichernd, reflektiert und provokant, klarsichtig und schillernd zu sein.

Unterwegs mit Maxim Gorkiy (Kolja Kunt und Bernd Lützeler), 2014

Unterwegs mit Maxim Gorkiy (Kolja Kunt und Bernd Lützeler), 2014

Ausgangsmaterial sind Bilder eines Ehepaares auf Weltreise Anfang der 80er Jahre. Begegnungen mit “Einheimischen” und “Indigenen” u.a. im Senegal, in Brasilien, auf Fiji und Papua New Guinea bestimmen diese Bilder, meist drapiert in traditioneller Kleidung für die Blicke der Reisenden, die die Kamera direkt auf jenes draufhalten, was sie begeistert – das Fremde, das Exotische -, manchmal auch in Dörfern, wo sich die Frau gerne inmitten der Kinder der Gemeinschaft im Safarikostüm ablichten lässt. Dazu, auf der Tonebene, hören wir Bildbeschreibungen, die manchmal sehr nah an den Bildern zu sein, manchmal auf eigenartig verquere Weise an ihnen vorbei zu gehen scheinen. Es sind Fragmente aus der Fernseh-Reihe “1000 Meisterwerke”, einer Kunstvermittlungsreihe, die in jeder Folge ein Gemälde vorstellte und analysierte. Als drittes Element, dem analytischen Sprechen eine merkwürdig ätherische Note gebend: Möwenschreie, Meeresrauschen.

Bereits in dieser Anordnung eine Verdreifachung des Sinns: Der kolonialistische, zutiefst politisierte Blick auf das Fremde trifft auf den ästhetischen, kunstgeschichtlich versierten Blick der Formen und Strukturen sowie auf das Bild als Erinnerung, Andenken, Souvenir einer Reise: In diesem Nebeneinander ermöglicht Unterwegs mit Maxim Gorkiy es immer wieder, einen Blick frei zu setzen, der zwischen kritischer Distanz und von verschiedensten formalen Ebenen in hohem Maße angezogener Neugier, verklärender Nostalgie und zeitgenössischer Relevanz in der Schwebe zu bleiben vermag. Das Ausgangsmaterial, das wir gelernt haben, sofort von uns wegzuschieben und für problematisch zu halten, legt hier andere Ebenen frei, die der Bedeutungsvielfalt dieser Bilder gerecht werden und uns betrachtend ins Schlingern bringen: Sehe ich hier etwas Privates, sehe ich hier etwas Politisches, sehe ich hier etwas Ethnographisches, sehe ich hier etwas Exploitatives? Blicke ich hier auf die Fremden, oder blicke ich auf eine Konstruktion von Fremdheit? Sind das Bilder von Menschen oder sind das Bilder von Bildern?

Unterwegs mit Maxim Gorkiy erzeugt eine Seherfahrung, die in 10 Minuten den Blick öffnet, verschachtelt, aufsprengt und umverteilt und genau darin auch als Werk eine poetische Kraft zur Entfaltung bringt, die einen noch an den erschütternden Effekt der Kunst, eine wirkliche Form von Alterität glauben lässt. Auf eigenartige Weise scheint der Film das auch selbst zu wissen und legt unter die abschließende Szene der Reise – eine Melange aus Party und Theater, in der schwarz angemalte Angestellte des Luxus-Liners Szenarien der Kolonialgeschichte ins humoristische übersteigert für die mehrheitlich weißen Reisenden re-inszenieren – eine Beschreibung, die gleichermaßen auf das Filmbild, auf das ursprünglich  durch den Ton beschriebene Gemälde und auf unsere Seherfahrung zu verweisen scheint: “Dabei ist das Unheimliche, dass der Atem der Geschichte gespenstisch im Bild ist. So überlagern und überkreuzen, durchdringen und verbinden sich in diesem, in seinem physischen Bestand doch unveränderlichen Bild mehrere, verschiedene Bedeutungen”.

(Alejandro Bachmann)

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