Die Faszination einer Zeit vor der unseren (aus Anlass des Kinostarts von BELLADONNA OF SADNESS)

Sieht man Eiichi Yamamotos Belladonna of Sadness (J 1973) und La maschera della morte rossa von Manfredo Manfredi, Branko Ranitovic und Pavao Stalter (I/JUG 1971) kurz hintereinander, sticht die Mittelalterfaszination beider Filme ins Auge. Beide sind im späten Mittelalter zu Zeiten der großen Pestepidemien angesiedelt, also etwa im 12./13. Jahrhundert. Beide basieren auf Vorlagen, die eigentlich in anderen Zeiten angesiedelt sind, verfrachten die Handlung aber durch die Filmästhetik, die Kleidung und andere Handlungselemente ins Mittelalter.  La maschera della morte rossa basiert auf Edgar Allan Poes Die Maske des Roten Todes. Belladonna basiert auf Jules Michelets Traktat La Sorcière (Die Hexe) von 1862, in dem Michelets Hexerei als populäre Widerstandsform gegen die Repression der Macht schildert. Mit der Wahl ihrer Handlungszeit und ihrer Faszination für das Mittelalter und die Magie waren beide Filme ganz Kinder ihrer Zeit:

Am 19.6.1972 titelt das Time-Magazine: „Satan returns. The Occult Revival„. Im Film schlägt sich dieses Revival vor allem in Horror-, Pornofilmen und den Schnittstellen zwischen beiden nieder, die in jenen Jahren voll sind von Hexen. Auch einige Dokumentarfilme der Zeit greifen das Thema massenwirksam auf. Belladonna greift Elemente dieser Filme (wie die Sexualisierung der Protagonistin Jeanne) auf, unterscheidet sich jedoch – darin Michelet durchaus treu – von diesen in der Darstellung der Hexerei als subversive Kraft. Blickt man auf die Geistesgeschichte der Entstehungszeit der Filme liegt es nahe, dieses Bild und die Mittelalterfaszination des Films mit einer Neubewertung des Mittelalters durch eine Generation junger Historiker und Kunsthistoriker in Verbindung zu bringen, die ab Mitte der 1960er Jahre auf sich aufmerksam machten, darunter einerseits Namen aus der italienischen Geschichtsschreibung der frühen Neuzeit wie Carlo Ginzburg, Vito Fumagalli, Salvatore Settis und Umberto Eco, andererseits britische Historiker aus dem Umfeld der Zeitschrift Past and Present. Ein Grund für die Mittelalterfaszination lässt sich in einem Zitat aus einem Vortrag von Max Raphael über das Leben in den Bauhütten von 1934 finden:

Es ist eine Zeit, in der nebeneinander rückwartsgewandte und progressive Tendenzen bestehen. Das individualistische Zeitalter der großen Künstler bahnt sich an. In Wahrheit zeugt diese Größe allerdings weder von einer größeren künstlerischen Vollendung, noch von einer stärkeren Persönlichkeit, sondern lediglich von einer weitergehenden Isolierung des Künstlers und Enge des geistigen und ethischen Grundes, von einem verschärften Kampf zwischen verschiedenen Klassen. Der Künstler, der einst ein Arbeiter war, wird zum ausschließlichen Sprachrohr der beherrschenden Klasse, und seine Größe, sein Wert bemißt sich an seiner Funktion im Klassenkampf. Der Beispiele gibt es mehr als genug. Raffael, der die Konvention der bürgerlichen Malerei geschaffen hat, überstrahlt Leonardo, jenes einzige wahre Genie des Kapitalismus, ein Genie, das dazu verdammt ist, Fragmente zu schaffen wie fast alle großen Künstler der Bourgeoisie bis auf den heutigen Tag. Doch wir halten bei dieser Zeit inne, die – ohne es zu wissen – auf Grund ihres Individualismus und ihrer ökonomischen und sozialen Struktur der Kunst feindlich gegenübersteht.1

Max Raphael kontrastiert hier die bürgerliche Renaissance mit dem vorbürgerlichen Mittelalter und speziell den künstlerischen Praktiken in den Bauhütten. Er stellt den Individualismus des bürgerlichen Zeitalters, dem kollektiven Arbeiten des Mittelalters gegenüber und kratzt am Mythos der künstlerischen Freiheit in der Renaissance, aber auch in der bürgerlichen Kunst überhaupt.

Die Geschichtsschreibung der 1970er Jahre widmete sich unter genau diesen Vorzeichen dem Übergang zwischen Mittelalter und früher Neuzeit in der Zeit zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert. Sie wandte sich vermehrt den Transformationsphänomenen zwischen Mittelalter und Renaissance zu: vor allem dem verstärkten Auftreten dissidenter Glaubensformen und dem Beginn des bürgerlichen Zeitalters. Carlo Ginzburg beispielsweise verwandte große Teile seines beruflichen Lebens von seinem ersten Buch Die Benandanti. Feldkulte und Hexenwesen im 16. und 17. Jahrhundert (auf Italienisch 1966, auf Deutsch 1980) bis zu Hexensabbat: Entzifferung einer nächtlichen Geschichte (auf Italienisch 1989, auf Deutsch 1990) auf die Erforschung dissidenter Glaubenspraxen, der Lebenswelt normaler Menschen in den Wirren der Transformation und den Techniken der Inquisition.

Umberto Ecos Mittelalterbeschäftigung kulminierte in zwei Werken: einerseits in Das offene Kunstwerk (auf Italienisch 1962, auf Deutsch 1973) und andererseits in Der Name der Rose (auf Italienisch 1980, auf Deutsch 1982). In beiden Werken greift Eco Versatzstücke der Theorien von Thomas von Aquin auf. In Der Name der Rose entfaltet Eco zudem ein Panorama der diversen dissidenten (aus katholischer Sicht der Zeit: „häretischen“) Sekten des Spätmittelalters und findet in ihnen ein Spiegelbild für die politischen Sekten im Italien der 1970er Jahre. Auch in den Arbeiten von Carlo Ginzburg und anderen italienischen Historikern der Zeit gibt es deutliche Schnittstellen zu den politischen Bewegungen der Zeit, auch wenn sich diese in der Regel indirekter äußern – in der Wahl der Themen oder den deutlich (post-)marxistisch/materialistischen Fragestellungen. Am deutlichsten wird dies in einem Gespräch zwischen Carlo Ginzburg und seinem Freund Adriano Sofri, Aktivist von Lotta continua, das in der deutschen Erstausgabe von Carlo Ginzburgs Spurensicherungen. Über verborgene Geschichte, Kunst und soziales Gedächtnis (eine weitere Schnittstelle zu Eco) enthalten ist und in dem Ginzburg wiederholt, die Anschlussfähigkeit von Überlegungen aus seinen Büchern an die Gegenwart skizziert.

Gemeinsam mit der Begeisterung für Sozialrebellen in den 1960er und 1970er Jahren, die sich wissenschaftlich vor allem in Eric Hobsbawms Buch Sozialrebellen. Archaische Sozialbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert (auf Englisch 1959, auf Deutsch 1962) niederschlug, speist die Gemengelage Hexerei als dissidente Praxis, Feldkulte und wachsende Repression durch die „ideologischen Staatsapparate“ (Althusser) des aufziehenden Bürgertums (hier: die Kirche) im Spätmittelalter das Grundkonzept und die Bilder Belladonna of Sadness und in geringerem Maße auch von La maschera della morte rossa . Einige Sequenzen aus Belladonna of Sadness wie jene, in denen Jeanne die Bevölkerung des Fürstentums mit Pflanzendrogen heilt und ihr zugleich Räusche schenkt, sind nicht nur visuelle Reminiszenzen von an die Entstehungszeit, sondern verweisen auf zeitgenössische Deutungen von Phänomenen wie der Hexerei. Mit Blick auf das Mittelalter sind beide Filme ganz Kinder ihrer Zeit.

  1. Max Raphael: Arbeit und Leben in den Bauhütten. Zur Architekturgeschichte des Mittelalters, in: ders.: Tempel, Kirchen und Figuren. Studien zur Kunstgeschichte, Ästhetik und Archäologie, herausgegeben von Hans-Jürgen Heinrichs, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1989, S.31-86, hier S.86. []

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