Arbeiten, Musizieren, Filmemachen – Zu einer Ästhetik der Gemeinschaft in Peter Nestlers EIN ARBEITERCLUB IN SHEFFIELD (1965)

“How soon the flame of love can die”, erklingt es am Ende von Peter Nestlers Ein Arbeiterclub in Sheffield (1965), gesungen von einem der Männer, die das musiklastige Abendprogramm des Arbeiterclubs im Zentrum des Films gestalten. Dazu sehen wir auf den Straßen von Sheffield spielende Kinder, einen älteren Mann, der einen Sackkarren schiebt (die eine Hand ersetzt durch einen Haken), einen Schwenk über einen Teil der Arbeitersiedlung, Bilder aus der Stahlfabrik.

Eigentlich ist es – hört man dem Text weiter zu – ein Liebeslied, aber vor dem Hintergrund der davor zu sehenden 40 Minuten dokumentarischer Großtat und aus der Distanz von über 50 Jahren, verschiebt sich dessen Bedeutung – wenn sie nicht gar 1965 von Nestler genau so angedacht war. Denn von was dessen Film, im Auftrag des SDR Stuttgart gedreht und von Seiten des damaligen Fernsehdirektors Horst Jaedicke für seine unkonventionelle Machart gerügt, im Kern erzählt, ist: Gemeinschaft. Bereits die erste Einstellung macht das klar – ein langsamer Schwenk von links nach rechts macht nach und nach einen Musiker nach dem anderen sichtbar, der mit seinem je eigenen Instrument zu eben jener musikalischen Komposition beiträgt, die wir auf der Tonspur des Films von Anfang an hören. Das Bild zählt auf, wer alles zum Ton beiträgt, wir sehen, wie gemeinschaftlich entsteht, was wir hören (nicht zuletzt an dieser Stelle ruft der Film Echos zu Humphrey Jennings Spare Time (1939) hervor).

Was in verschriflticher Form etwas didaktisch klingt, bewerkstelligt Nestler mit großer Lässigkeit — vielleicht auch ein Grund, warum diverse Rezensenten immer wieder dazu bewegt wurden zu schreiben, der Film sei an der Atmosphäre von Sheffield interessiert und nicht an den quantitativen Realitäten dieser Arbeiterstadt. Tatsächlich ist Ein Arbeiterclub in Sheffield das Dokument einer Atmosphäre, eines Ortes, an dem Arbeiterkultur tatsächlich existiert, er ist aber auch dokumentarische Form, die versucht filmisch zu denken, was ihr Sujet im Kern prägt: Ein arbeitendes, lebendes, politisches Miteinander.

Diese Form –  in der zwar Individuen zu sehen sind und stellenweise auch zu Wort kommen, aber immer wieder in die Gesamtheit der Arbeiterschaft eingebunden werden – prägt den ganzen Film. Daher vermutlich auch die Dominanz der schwenkenden Kamera, die immer wieder zeigt, wie das/der Einzelne Teil von etwas Größerem ist – in der Fabrik, an der Bar des Arbeitersclubs, beim Kartenspielen. Aber auch, wenn Nestler uns die unterschiedlichsten Performer eines Abends im Arbeiterclub zeigt und diese alle direkt – ohne Auf- und Abgang oder abschließendem Applaus – hintereinander schneidet und damit deutlich macht: Hier mag der ein oder andere für kurze Zeit im Rampenlicht oder auf der Bühne stehen, schlussendlich aber gibt jeder für sich einfach sein Bestes für einen gemeinsamen Abend. Nestler betont so nicht die einzelnen Personen, sondern das “Und” zwischen ihnen.

Was die Montage hier vollführt ist mehr als bloß filmische Konstruktion, ist nicht von oben herab auf das Sujet im Zentrum des Films gepfropft, sondern findet sich in jedem einzelnen Bild wieder: Die portraitartigen Aufnahmen der Clubmitglieder, die manchmal auch in Form von (stehenden) Fotografien in den Fluß der Bilder eingewebt sind, zeigen Menschen, die sich zwar einzeln hervorheben und kurz individualisieren lassen, dabei aber nie selbstverliebt oder gar eitel in die Kamera blicken und sich präsentieren, sondern deren Gesichter eher eine Mischung aus Respekt, Scheu und Bescheidenheit zum Ausdruck bringen. In die Kamera blickend, scheinen diese Gesichter nicht “ich” zu sagen, sondern “wir” – und meinen damit: “Du – der Filmende, und Ich – der Gefilmte machen jetzt ein Bild von mir, das ihr, die Betrachter, dann seht”. Die zeitliche Distanz dieser Bilder zu unserer Gegenwart, in der jedes Individuum auf einem Bild immer nur und ausschließlich “ich” zu sagen scheint (und beim Selfie ja dann auch Fotografierenden und Fotografierten in Personalunion darstellt) ist gewaltig.

Sehr weit weg erscheint einem das, wovon Nestler in Ein Arbeiterclub in Sheffield erzählt: Diese Form von Gemeinschaft, dieses Bewusstsein um die Notwendigkeit jener Bilder, die sich nicht als Ausdruck künstlerischer Selbstüberschätzung und hochstilisierter Subjektivität eines Individuums verstehen, sondern eher Teil einer Gemeinschaft von Bildern und Menschen sein und davon berichten wollen.

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