Affetuosamente Ciak (Feministischer Film in Italien I)

Affetuosamente Ciak (Gruppo Cinema Alice Guy [Isabella Bruno, Loredana Fanigliulo, Manuela Garroni,Susanna Garroni, Alida Giardina, Liliana Ginanneschi, Federica Giulietti, Enza Tolla], I 1977 55′)

Der Kollektivfilm Affetuosamente Ciak ist eines der selteneren gelungenen Beispiele humorvoller Filme aus den sozialen Bewegungen heraus.
Der erste Teil ist zeigt das Reenactment einer Debatte über die Frage, ob Frauen zum Studium der Wissenschaften zugelassen werden sollten. Der Clou: die Debatte findet auf einem Tennisplatz statt und die beiden Diskutantinnen sitzen auf Schiedsrichterinnen-Hochsitzen, während Bücher über das Netz fliegen und immer wieder von einem Ballmädchen aufgesammelt werden. Das die Wahl des Settings und das Spiel mit den Bildern, die sich daraus ergeben, die Bücher, die immer wieder im Netz landen etc. sind einfach brilliant.
Der zweite Teil inszeniert eine Art Unterrichtsstunde von Frauen für Frauen in den schönen Künsten, vor allem dem Film.

Auf ihrer Website gibt Isabella Bruno einen Artikel aus einer der wichtigsten Zeitschriften des italienischen Feminismus, der Effe, wieder. Die Zeitschrift hatte im April 1977 einen Schwerpunkt „Donna e cinema„, in dem auch der Artikel stammt. Die Übersetzungen sind von mir:

„‚Die Idee eines feministischen Filmkollektivs entstand aus der Überzeugung, dass die Frauen sich jedes Mittel sich auszudrücken und zu kommunizierten aneignen müssen, einschließlich des Kinos… der einzige Weg um sich mit der Kamera ausdrücken zu können, ist zu filmen.‘ […]
Diejenigen von uns (etwa zehn) die nach den ersten chaotischen Treffen übriggeblieben waren, hatten das ambitionierte Projekt, die gesamte Art des ‚Kino-machens’/’Filmemachens‘ neuzuerfinden: eine neue Filmsprache erzeugen, ein feministisches Kino erfinden. […]
Wir beschlossen einen Film zu machen, um die Annäherung der Frauen – uns – an das Kino zu dokumentieren, roter Faden des Films sollte die ganze Problematik sein, mit der sich die Gruppe auseinandergesetzt hatte, aber in der Struktur sollte Platz sein für Einfälle, Spaß und die Ironie von jeder von uns.
Das grundlegende Problem war natürlich, Drehen zu lernen und zwar gut zu drehen. Die technisch-theoretische Methode der Aneignung aus dem Handbuch haben wir sofort verworfen; diejenigen von uns die mit der Kamera umgehen konnten, brachten es den anderen bei und verschoben so die theoretische Auseinandersetzung auf später. Alle haben wir eine Proberolle gedreht, jede wählte für sich wo und wann sie drehte, und anschließend haben wir gemeinsam drüber gesprochen. Dabei stellte sich eine Gemeinsamkeit heraus: nahezu keine von uns erkannte die Bilder wieder, die sie gedreht zu haben glaubte. Warum? Weil – wie wir entdeckt haben – der Blick der Augen anders ist als der der Kamera. Normalerweise haben wir einen breiten Blick (una visione di campo), mit der Kamera hingegen isolieren wir einen Teil und machen ihn offensichtlich. Der expressive Gebrauch der Kamera rührte genau von dieser Möglichkeit-Fähigkeit her ein Einzelteil zu isolieren und es bedeutsam zu machen. Aber diese Möglichkeit kommt erst nach der perfekten Beherrschung des Mitteln und einer geistigen Fähigkeit, für die Bilder zu denken.
Klar, wir hatten das Rad neuerfunden! Das was wir sagten, überrascht und enthusiastisch, hatten wir uns hunderte Male selbst gesagt. Das Neue und Wichtige war, dass wir es in erster Person für uns verifizierten; war, dass jede von uns sich für sich selbst nicht nur eine technische Erkenntnis aneignete, sondern auch ein Konzept, und die Erfahrungen von allen anderen, die wir zusammenbrachten.
Schon von den ersten Versuchen an, war es erkennbar, dass jede von uns eine verschiedene Sensibilität beim Bildersammeln (cogliere le immagini) hat: eine bevorzugte Panoramen, eine die Effekte, die sich aus der Bewegung der Kamera ergeben, eine das Spiel mit dem Licht, eine legte sich auf ein Objekt fest und nahm es auf bis zur Sektion. Und auch das war ein erster Anfang des Redens von der Entdeckung der eigenen Ausdrucksmöglichkeiten (oder -tendenzen) von der, allgemeiner, weiblichen Ausdrucksweise.
So ist uns, während wir diese Art Analysen machten, aufgefallen, dass viele von uns zögern, die Gesichter der Genossinnen aufzunehmen, und, auf der anderen Seite, dass es denjenigen, die aufgenommen wurde, unangenehm war. In beiden Fällen gab es eine wirkliche Angst zu deformieren oder von der Kamera deformiert zu werden, der durch mangelnde Erfahrung nicht gänzlich unter Kontrolle war; es gab die Angst verborgene Seiten zu entdecken, die wir nicht entdecken wollten, Fehler, Ausdrücke, die wir verborgen halten wollten. Die Angst häßlich zu erscheinen oder zumindest anders als frau sich selbst vorstellte, von derjenigen, die gefilmt wurde; die Angst, die eigene Aggressivität – oder einfach die eigene Neugier – zu enthüllen, von Seiten derjenigen, die filmte.
Indem wir diese Tatsachen analysierten, entstand die Idee von dem was wir ‚die drei Minuten‘ nennen. Jede von uns drehte eine Rolle mit sich ‚vor‘ dem Objektiv mit absoluter Freiheit hinsichtlich Benehmen und Ausdruck: wer sich tanzen sehen wollte, tanzte; wer Grimassen schneiden wollte, schnitt Grimassen, – wer eine kleine Szene erfinden wollte, tat das. Das sollte helfen, das Unbehagen vor dem mechanischen Auge, das uns durchschaut und im Grunde unkontrollierbar ist, zu besiegen; dieses mechanische Auge ist kein Spiegel, weil wir nicht wissen, welche Bilder von uns es liefert bis wir das Gefilmte gesehen haben. Das Ziel ist zu lernen, unser physisches Bild kennen- und akzeptieren zu lernen, unser ‚unperfektes‘, unsere Realität als Frauen, die gehen, lachen, spielen und arbeiten. Und wir wollen daraus ein Mittel machen um unsere Reaktionen, Wahrnehmungen, Erfahrungen vor der Kamera gemeinsam zu diskutieren, indem wir Situationen kinematographischer Selbsterfahrung erzeugen.
Das was wir wirklich machen wollen, ist unseren Beitrag dazu leisten, zu klären, was, wenn überhaupt, ein feministisches Kino sein könnte, das nicht sofort mit militantem Kino, einem Kino der Intervention und der Anklage identifiziert wird, sein könnte. […]
Aber unser vorrangiges Ziel ist die Realisierung eines Films, in dem wir etwas neues ausprobieren, sei es von einem methodischen Standpunkt aus, sei es von einem sprachlichen. […]
Während das Filmprojekt wuchs, haben wir – alle – entdeckt, dass wir große Lust haben, uns zu amüsieren, lächelnd zu kommunizieren, unseren Ausschluß nicht mit Wut sondern mit Ironie anzuklagen.“)

Wir waren dabei am eigenen Leib zu erfahren, dass es nicht leicht ist in einer Gruppe zu arbeiten, weil jede von uns schwerwiegenden Einflüsse in sich trägt, weil jede von uns die Tendenz hat, sich in die eigenen Ideen zu verlieben, wenn sie sie vorschlägt, weil niemand uns je beigebracht hat, dass frau sich nicht kastrieren muss, um mit anderen zu arbeiten.
Die Arbeitsweise einer Gruppe vom Typ männlich basiert auf dem Kompromiß: ich verzichte auf etwas, Du verzichtest auf etwas anderes, so verzichten wir gemeinsam und sind alle zufrieden. Wir hingegen sind überzeugt, dass ein Gleichgewichtspunkt existiert zwischen der eigenen Individualität und der Gruppe: die Gruppe muss die einzelne Individualität nicht negieren. Der Gleichgewichtspunkt besteht darin, sich als aktiver Teil eines kreativen Prozesses zu fühlen. Das erfordert eine große Grundlage gegenseitigen Vertrauens, der Möglichkeit, sich fortgesetzt zur Diskussion zu stellen, der Toleranz. Es ist schwierig, jedes Mal die Mechanismen zu enttarnen, die uns in den Rollen fixieren. Die Dynamiken der Gruppe, die fortwährend Anführer und Wasserträger neu erzeugt, sind komplex und subtil. Besonders im Fall einer Arbeit, wie wir sie machen wollen, die sowohl ziemlich präzise technische Fähigkeiten, als auch kreativen und erfinderische Möglichkeiten erfordert. […]
Wir brauchten nahezu zwei Jahre von der Ausarbeitung des Drehbuchs, den Dreharbeiten, der Montage bis ‚Affettuosamente Ciak“ das erste Mal 1977 projeziert wurde.
Er zirkulierte durch Festivals und Filmreihen und wurde immer mit Enthusiasmus aufgenommen, als komishc-femistisches Werk (opera comico-femminista), etwas sicherlich neues, dem es gelang, über sehr ernsthafte Probleme zum Lachen zu bringen.“
Quelle: http://www.isabellabruno.eu/alice_guy.htm

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