Die rote Traumfabrik I, Berlinale-Retro Tag 2

Zeitprobleme. Wie der Arbeiter wohnt (D 1930, Slatan Dudow) 17′1
Im Schatten der Weltstadt (D 1930, Albrecht Viktor Blum) 12′2
Um’s tägliche Brot (D 1928/9, Phil Jutzi) 61′
3

Die ersten beiden Kurzfilme handeln von den unwürdigen Zuständen unter denen viele noch bis weit in die 1930er Jahre hinein in Berlin gelebt haben. Die Aufnahmen aus den dunklen, engen Hinterhöfen und den eng bewohnten Küchen, in denen sich alles um den Herd schart, lassen erahnen wie lange es gedauert hat, bis zumindest die Vorstellung solche Bedingungen könnten veränderungswürdig sein Einzug hielt. Gerade Zeitprobleme, der das Regiedebut von Slatan Dudow ist, hat mich erneut beeindruckt – und ich bin geneigt, dass das eigentlich auch der beste der drei Filme ist. Blums Im Schatten der Weltstadt ist dagegen viel verworrener und zugleich platter. Wo Dudows Film mit seinen dokumentarischen Aufnahmen noch heute beeindruckt, ist Blum eher aus Gründen eines Versuchs eines Montagedokumentarfilms zum Elend in Berlin interessant.
Eher enttäuscht hat mich beim erneuten Sehen Jutzis Filmlegende Um’s tägliche Brot, der in den 1970er Jahren eine ziemliche Sensation war und noch immer als einer der bedeutendsten Filme der deutschen Arbeiter_innenbewegung gilt. (Dass er das in jedem Falle ist, weil die deutsche Arbeiter_innenbewegung so wenig Filme zu stande gebracht hat, ist unbenommen.) Jutzis Film schildert die miserablen Lebensbedingungen im schlesischen Waldenburg. Armut und Hunger treiben die jungen Leute zu Scharen in die Kohlenreviere, wo sich das Elend aber nur verändert. Schon in den ersten Sekunden weiß Jutzi negativ aufzufallen, indem er seinen Film mit zwei Briefen eröffnet: der zweite ist von Hitlers Steigbügelhalter Paul von Hindenburg. Wer will schon hören, was der reaktionäre Reichspräsident zu sagen hat, wenn er einen politischen Film dreht. Ansonsten ist der Film in seiner Darstellung der Not durchaus interessant. Mir fiel – gespiegelt in den weiteren Filmen des Tages – später auf, dass die Darstellung der verwitweten Arbeiterin, bei der Protagonist, ein männlicher Zugezogener vom Land, unterkommt, durchaus eine Subjektivität zugestanden bekommt und in ihrem Alltagskampf als alleinerziehende Mutter zweier Töchter ernst genommen wird. Am meisten stört in meinen Augen, dass Jutzi mit dem Film auf Mitleid abzielt und keine Wut erzeugen will.

Zu dem Film vgl.
Willi Bredel: Hunger in Waldenburg. Ein Film des Volks-Film-Verbandes. In: Hamburger Volkszeitung, 4.4.1929.
– Willi Bredel: Hunger in Waldenburg. In: Hamburger Volkszeitung, Nr. 271, 4.12.1929.

Gibel Sensazii [Loss of the Sensation], UdSSR 1935, Aleksandr Andrijewski4

Gibel Sensazii ist ein ziemlich erstaunlicher Film. Der Film entwirft in einer Art aktualisierter Golemgeschichte die Dystopie einer Robotisierung der Arbeit. Um das „Problem des Proletariats“ zu lösen erfindet Jim Ripl einen Roboter. Von seinem Bruder Jack dafür heftig kritisiert, zieht Jack kurz entschlossen dem Roboter ein über die Rübe, worauf dieser auseinanderscheppert. Jack wirft seinem Bruder vor, dieser vernichte Arbeitsplätze (hier, wichtiger Unterschied: Sozialdemokrat_innen verklären die Automatisierung und Industrialisierung, Kommunist_innen die Arbeit). Jim jedenfalls zieht schmollend von dannen, verkauft seine Idee „dem Kapital“ und „dem Militär“. Schließlich kommt es bei einer Aussperrung, bei der die Roboter als Streikbrecher_innen eingesetzt werden, zu einem Toten und die große Konfrontation beginnt. Jim wird ausgebotet und die Roboter reagieren nicht mehr auf seine Befehle, sondern auf die „des Kapitals“. Die folgenden Actionszenen des Roboterangriffs auf das Dorf der Arbeiter_innen gehört zu dem Besten, in dem Film, teils toll inszeniert und montiert fährt der Film hier Production values auf, die der Film so zunächst nicht erwarten ließ.
Dagegen stehen jedoch allerlei dramaturgische und politische Probleme: Zunächst einmal überzeugt der Film dramaturgisch über weite Strecken nur sehr eingeschränkt. So bleibt etwa der Konflikt zwischen den beiden Brüdern Ripl die ganze Zeit über extrem oberflächlich. Die Geschichte an der Konfrontation zweier Brüder zu erzählen, bleibt ungebrochen als Storytellingtrick sichtbar, der offenbar dazu dienen soll, die dualistische Klassenkonfrontation in eine dramatische Form zu überführen. Andererseits, und damit wären wir bei den politischen Problemen, gelingt es dem Film nicht, aus der Reduktion auf eine dualistische Konfrontation Arbeiter(_innen?) vs. Kapital auf eine analytische Ebene zu kommen. Er verharrt viel zu sehr in einem plumpen Wettstreit der Bastelstunden.
Eine Ebene auf der der Film in jedem Falle einen zweiten und dritten Blick wert ist, ist der antirassistische Internationalismus. In einem Winkelzug versucht „das Kapital“ nicht-„weiße“ Arbeiter zum Roboterbau einzusetzen, woraufhin „weiße“ Arbeiter diese agitieren und ihnen sagen, was sie zu tun haben. Das ist einerseits ziemlich paternalistisch; andererseits ist derjenige, der den Angriff der Kapital-Roboter schließlich stoppt genau einer der nicht-„weißen“ Ingenieure. Dass in der Szene mit der Agitation unter den nicht-„weißen“ auch ein Mensch in blackface findet, macht es noch schwieriger, zu beurteilen, welches Potential in diesen Szenen liegt.

Slutschajnaja wstretscha (Accidental Meeting), UdSSR 1936, Igor Sawtschenko, 64′5
Ich hasse Sportlehrer-Reproduktionskomödien. Noch schlimmer wird diese Abneigung wenn es sich um deutlich stalinisierende Jugendkomödien mit eugenischem Beigeschmack handelt.

  1. Zeitprobleme. Wie der Arbeiter wohnt (Russische Verleihtitel: Schisn rabotschich w germanii, D 1930, Regie: Slatan Dudow, Kamera: Walter Hrich, Produktion und Verleih: Filmkartell „Weltfilm“ GmbH. Die ausführlichen filmographischen Angaben entnehme ich der von Alexander Schwarz und Aleksandr Derjabin besorgten Filmographie in der Publikation zur Retro: Günter Agde, Alexander Schwarz: Die rote Traumfabrik. Meschrabpom-Film und Prometheus 1921-1936, Berlin: Bertz + Fischer 2012, S. 212-250. []
  2. Im Schatten der Weltstadt, D 1930, Albrecht Viktor Blum, Produktion: Prometheus. []
  3. Um’s tägliche Brot (auch: Hunger in Waldenburg, russ. Verleihtitel: Sa nasuschtschny chleb), D 1929, Regie/Kamera: Phil Jutzi, Buch: Leo Lania, Darsteller_innen: Sybilly Schloß, Holmes Zimmermann, Produktion: Filmkartell „Weltfilm“ GmbH (für Volksfilmverband), Verleih: Prometheus. []
  4. Gibel sensazii. Robot Dschima Ripl (dt. Verleihtitel: Der Untergang der Sensation. Jim Ripples Roboter) UdSSR 1935, Regie: Aleksandr Andrijewski, Buch: Georgi Grebner, Kamera: Mark Magidson, Darsteller_innen: Sergej Wetscheslow, Wladimir Gardin, Marija Wolgina, Anna Tschkulajewa, wasili Orlow, Produktion: Meschrabpom Film AG, Rot-Front. []
  5. Slutschajnaja wstretscha. Mesjaz mai. Irinkin rekord (dt. Titel: Zufällige Begegnung. Der Monat Mai. Irinas Rekord, UdSSR 1936, Regie: Igor Sawtschenko, Kamera: Juli Fogelman, Musik: Sergej Potozki, Darsteller_innen: Jewgeni Samoilow, Galina Paschkowa, Walentina Iwaschjowa, Pjotr Sawin, I Solowjow, Produktion: Rot-Front. []

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