Vorne weg

Es ist natürlich Unfug, wie ich hier auf dem Blog mit Tags und Kategorien um mich werfe, allein: ich denke es dient der Übersicht und dem Wiederfinden. Dennoch dürft Ihr mich gerne dafür beschimpfen.

Für Grundlagen der Beschimpfung empfehle ich: Carola Pohlen: Kategorien, die fiesen Biester. Identitäten, Bedeutungsproduktionen und politische Praxis, in: Jutta Jacob, Swantje Köbsell, Eske Wollrad (Hg.): Gendering Disability. Intersektionale Aspekte von Behinderung und Geschlecht, , transcript Verlag: 2010, S.95-111
Und kauft das Buch.

Eben noch beinahe geschlossen und jetzt schon eine Filmschule

Das Archivio audiovisivo del movimento operaio e democratico (Audiovisuelles Archiv der Arbeiter- und Demokratiebewegung), kurz Aamod, ist das wahrscheinlich wichtigste und größte bewegungsnahe Filmarchiv in Italien (vielleicht sogar in Europa). 1979 gegrüdent als Archivio storico audiovisivo del movimento operaio (Historisches audiovisuelles Archiv der Arbeiterbewegung, ASAMO) unter dem Präsidenten Cesare Zavattini, wurde das Archiv 1985 als von notevole interesse storico (etwa “wichtigen historischem Wert”) erklärt. Das ist eine Kategorie in der die Archivverwaltungen der Regionen, die Soprintendenze archivistiche, die wichtigsten Bestände zusammenfassen. Zugleich fand die Breite linker Bewegungen Eingang in den Namen und das Archiv benannte sich in die heutige Bezeichnung um.
Die Sammlung umfasst Materialien zu nahezu jedem Thema der linken Geschichte in Italien. Unter anderem die filmischen Bestände des aufgelösten Pci und deren Filmproduktion Unitelefilm, deren Bedeutung für die Neue Linke ab 1960 kaum zu überschätzen ist, im Archiv gelandet. Zudem hat Zavattini sein eigenes Archiv wohl auch ins Aamod gegeben. Die Bestände sind in einer Datenbank durchsuchbar, die vom Archivio Luce gehostet wird: Filmsuche.

Ende letzten Jahres sah es nicht gut aus, das Aamod schrieb in seinem Newsletter, dass das Archiv akut von der Schließung bedroht ist, wenn nicht schnell Geld für den Weiterbetrieb aufgetrieben werden kann. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass die von der Regierung Berlusconi geplanten Kürzungen für die Kultur des Landes keineswegs zufällig verteilt waren, auch wenn sie eine große Breite betrafen. Es ging auch um die gezielte Zerstörung kritischer Kultur. In Bezug auf das Aamod kann offenbar unterdessen Entwarnung gegeben werden, das Archiv hat die Flucht nach vorne angetreten: eine private oder regionale Finanzierung ist offenbar möglich geworden und die Lebendigkeit des Archivs wird durch die Gründung einer Schule für Dokumentarfilm gesichert. Die Scuola di cinema documentario Cesare Zavattini ist gleichermaßen Hommage an den Gründungspräsidenten des Aamod, wie eine dringend notwendige institutionelle Stärkung des Dokumentarfilms in Italien. Die Ausschreibung für das erste Jahr klingt vielversprechend, die Fächer umfassen die Klassiker wie (Filmgeschichte, Drehbuchschreiben, Produktion, Regie, Kamera, Ton, Montage, Ton- und Bildschnitt. Besonders scheint mir das Fach Film a base di archivio (archivbasierter Film) zu sein, den die beiden Expertinnen Letizia Cortini, Silvia Savorelli betreuen.

Die geplanten Begegnungen mit etablierten Filmemacher_innen lesen sich wie ein who is who des politischen Dokfilms: Marco Bertozzi, Fernando Birri, Mimmo Calopresti, Vittorio De Seta, Ugo Gregoretti, Paolo Isaja, Wilma Labate, Carlo Lizzani, Cecilia Mangini, Citto Maselli, Giuliano Montaldo, Gianfranco Pannone, Massimo Sani, Ettore Scola, Daniele Segre und (nach den Posts zu ihm nicht uninteressant) – Daniele Vicari.

Hier der Werbefilm. Ich fand den ja ein wenig lieblos für eine Filmschule, aber naja.


youtube

Es steht zu hoffe, dass die Initiative das Archiv und die Filmschule erstmal sichern. Zugleich befürchte ich jedoch, dass es viele andere kleinere Institutionen bei der Kürzungswelle in Italien erwischt haben dürfte.

Edit:
2005 hat Letizia Cortini für die Fondazione Feltrinelli mal eine Aufstellung der Bestände des Aamod gemacht.1 Daraus ergibt sich folgendes Bild:
insgesamt etwa je 5000 Stunden Film- und Videomaterial.
– Bestand der Unitelefilm, 1963 als Teil der Propagandasektion des Pci gegründet, 1979 in eine private Firma umgewandelt, die bis heute arbeitet. Mitwirkende u.a. Ugo Gregoretti, Ansano Giannarelli, Carlo Lizzani, Luigi Perelli, Massimo Mida, Giuseppe Bertolucci, Ettore Scola, Gian Maria Volonté, Francesco Maselli, Luciano Malaspina, Mario Carbone, Andrea Frezza, Libero Bizzarri,
Gianni Serra, Michele Gandin

weiter Bestände
– Cinegiornali di Terzo Canale, 1968-1974. Initiative, die aus der Sektion für Presse und Propaganda des Pci gegründet wurde. Vorgesehen war eine monatliche Kinowochenschau.
– Cinegiornali Liberi, 1968-1970. Angeregt von der Kinowochenschau des Friedens, realisiert von Cesare Zavattini 1963, Prototyp der Initiativen für eine unabhängige und kollektive Kinowochenschau zu Themen von sozialem und politischem Interesse.
– Kinowochenschauen der französischen Student_innenbewegung und Cinetract, 1960er Jahre, nur einige Ausgaben
– Dokumentationen von einzelnen Cineasten oder aus der Produktion von Vietnam, den Ländern des Ostens, Lateinamerika, Afrika:
Defa Film (DDR)
FLN – Nationale Befreiungsfront von Vietnam
Polska Kronica Filmowa
Dipartimento Cinematografico FPLE – Volksfront zur Befreiung von Eritrea

Daneben sind im Aamod die Produktionen von Reiac Film (1964-1990), Tecnomedia (1987-1992) und Albedo Cinematografica (1969-1975) überliefert. Ihre Filme als Depositum dem Aamod überlassen haben unter anderem: Libero Bizzarri, Giuseppe Ferrara, Giampiero Tartagni, ACLI (Associazione christiane lavoratori italiani; christliche Gewerkschaft), ARCI (Associazione Ricreativa e Culturale Italiana; kommunistischer Kulturverein), Centro di Cultura Popolare.

Hinzu kommen thematische Sammlungen wie zu dem G8 Gipfel von Genua.

  1. Letizia Cortini: Le fonti dell’Archivio Audiovisivo del Movimento operaio e democratico (Papers ‘Gli archivi del presente’), zuletzt 27.7.2011. []

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