Vorne weg

Es ist natürlich Unfug, wie ich hier auf dem Blog mit Tags und Kategorien um mich werfe, allein: ich denke es dient der Übersicht und dem Wiederfinden. Dennoch dürft Ihr mich gerne dafür beschimpfen.

Für Grundlagen der Beschimpfung empfehle ich: Carola Pohlen: Kategorien, die fiesen Biester. Identitäten, Bedeutungsproduktionen und politische Praxis, in: Jutta Jacob, Swantje Köbsell, Eske Wollrad (Hg.): Gendering Disability. Intersektionale Aspekte von Behinderung und Geschlecht, , transcript Verlag: 2010, S.95-111
Und kauft das Buch.

Kinderkrankheiten einer Nation: Glory (Edward Zwick, USA 1989)

Glory ist Edward Zwicks zweite Kinoregie nach dem Überraschungserfolg von About last night (USA 1986). Zwicks zweiter Film erzählt die Geschichte der Entstehung der 54th Massachusetts Volunteer Infantry. Deren Geschichte ist eine Besondere, da es sich bei der Einheit um eine der ersten Freiwilligen Einheiten handelte, in der schwarze Amerikaner auf Seiten der Unionsstaaten kämpften.
Schwieriger wird es schon bei der Perspektive, aus der diese Geschichte erzählt wird: während die Wikipedia-Seite zum Film feststellt, die Geschichte werde erzählt “as told from the point of view of Colonel Robert Gould Shaw, its commanding officer during the American Civil War.”1
Das deckt sich ziemlich präzise mit meinem Seheindruck von dem Film, nach dem sich dieser ziemlich nahtlos in eine Reihe von Toleranzwestern einschreibt, produziert und realisiert von weißen Filmschaffenden und abzielend auf ein “weißes” Publikum.

Anders als die Western aus den 1970er Jahren, wie The Legend of Nigger Charly (USA 1972, Martin Goldman), Thomasine & Bushrod (USA 1974, Gordon Parks, jr.) oder Jack Arnold’s Boss Nigger (USA 1975), die radikal mit der Vorstellung des Westens als Spielwiese weißer Einzelgänger brachen und in denen Kontakte zwischen weißer und schwarzer Bevölkerung beinahe immer konfliktträchtig sind, versucht sich Glory an einer integrativen Erzählung über die Beteiligung schwarzer Amerikaner am Bürgerkrieg. In einem Interview mit The Tech benennt Zwick seine Motive dafür recht deutlich:

“There is a segment of the American population that has been excluded from the national myth, and that should be redressed.” Später im Interview setzt er hinzu: “I think the choice was to try to focus on neither blacks nor whites, but on the regiment. One of the points of the story was to explore a time in which both blacks and whites found some commonality of purpose. The fundamental focus of the film is not Shaw and the rest of the officers but ‘the coming together of the regiment, in all its aspects.'”2

Der Film und Kevin Jarres Drehbuch basieren auf den Briefen von Colonel Robert Gould Shaw sowie Peter Burchards “One Gallant Rush” (1964) und Lincoln Kirstein “Lay This Laurel” (1973). Shaw ist im Film wie in den Vorlagen die zentrale Figur der Erzählung, nicht zuletzt aus einem klassischen Quellenproblem heraus: Shaw, der einer wohlhabenden Familie entstammt, konnte lesen und schreiben und hat dementsprechend Briefe und andere schriftliche Quellen hinterlassen, auf die Bezug genommen werden kann. Eine andere Lesart, als die durch Shaws Briefe, wie (selbst-)kritisch und reflektiert sie seien mögen, von den Ereignissen zu bekommen, erfordert Anstrengungen. Eine solchen Arbeit, die nicht wichtig wäre, weil sie wissenschaftlich ist, sondern weil sie einer Mythenreproduktion entgegen gewirkt hätte, hat ganz offensichtlich nicht stattgefunden.

Zwicks Intention war, die liberale Lesart nationaler Mythen um den Bürgerkrieg zu stärken, indem er die Beteiligung schwarzer auf Seiten des Nordens unterstreicht3: Glory ist genau das geworden – ein liberales nationalistisches Epos. Das beruht unter anderem darauf, dass Zwick den Rassismus als Problem des Südens und lediglich einiger weniger Nordstaaten-Offiziere darstellt. Rassismus ist in Zwicks Darstellung ein moralisch-ethisches Problem und kein politisches. Jenseits einzelner Charaktere wird der Rassismus des Nordens ebenso ausgeblendet wie das strategische Lavieren der Politik der Union – ganz zu schweigen von den rassistischen Alltagserfahrungen.4
Glory illustriert eine weiße-liberale Erzählung der Nationswerdung der USA: die Formung eines Regiments von schwarzen Soldaten durch einen integren weißen Offizier aus besserem Hause. Diese polemische Rekonstruktion der Handlung läßt sich auch mit Blick auf das Zurückstecken Robert Gould Shaw gegenüber der Karriere, die ihm sonst eventuell möglich gewesen wäre, aufrecht erhalten. Shaw mag so integer gewesen sein, wie er will, Zwicks Versuch an seiner Person die Nationenbildung zu rekonstruieren, ist politisch ein ziemliches Desaster. Das “coming together of the regiment” ist über weite Strecken nichts anderes als das Lernen von Verhalten. Ein weißer Lehrer belehrt seine schwarzen Kadetten.
In einer zentralen Szene des Films läßt Shaw den angehenden Soldaten Trip trotz der Vorhaltungen eines Freundes, dass das aufgrund der Geschichte der Sklaverei nicht gehe, auspeitschen. Der Film legitimiert an dieser Stelle ein zentrales Repressionsinstrument des Rassismus. Geändert hat sich nur die Begründung für den Einsatz.

Dieser Kritik zum Trotz ist Glory passagenweise sehr sehenswert als Ausdruck eines historisch-militaristischen Massenspektakels, das dennoch interessanterweise ohne Beteiligung der Armee realisiert worden zu sein scheint: die Massen von Komparsen bekam Zwick durch Teilnehmer an Reenactments von historischen Schlachten. Und noch etwas zeichnet den Film aus: sein Realismus in der Kriegsdarstellung – hier schreckt Zwick, der in der Folge noch eine ganze Reihe weiterer Filme drehen sollte, die im Krieg spielen (unter anderem Defiance (2008) und Courage under Fire (1996)) auch vor Gewaltdarstellungen nicht zurück. Gleich zu Beginn in der Darstellung der Schlacht von Antietam sieht man Köpfe, die von Granaten abgeschossen werden, spritzendes Blut und andere Gräuel. Der Realismus der Schlachtszenen und des Lebens in Zeltlagern wird jedoch ziemlich konterkariert von der Darstellung der Szenen, denen Zwick Bedeutung für den Mythos verleiht. So werden diverse Szenen visuell und musikalisch ins Pathetische überhöht bis der Film im Geigenschleim zu versinken droht. Trotz all dieser Kritik muß ich zugeben, dass Glory schon auch ein gut gemachter, passagenweise durchaus beeindruckender Film ist.
Seine Besprechung des Films von 1990 schloß Roger Ebert mit den Sätzen: “‘Glory’ is a strong and valuable film no matter whose eyes it is seen through. But there is still, I suspect, another and quite different film to be made from this same material.” Dem ersten Teil kann ich mich nur teilweise anschließen, dem zweiten vollkommen.


youtube

  1. Eintrag zum Film auf der englischen Wikipedia-Seite, zuletzt 18.7.2011. []
  2. Glory director Edward Zwick discusses motivations behind the film (Interview mit Zwick, geführt von Michelle P. Perry, in: The Tech, Online Edition, Issue 60: Wednesday, January 24, 1990, zuletzt 18.7.2011. []
  3. Das legt Zwick selbst nahe, wenn er in einem anderen Interview auf die Frage wie seine Arbeitsbeziehung zu Denzel Washington, Morgan Freeman und den anderen Schauspielern war, antwortet: “They were very generous to me. I was a young, white, liberal director presuming to make a movie about the African-American experience. They were exceedingly generous. They understood my intentions and they gave me everything.” In: Jay Werttz: Ed Zwick, director of Glory, veröffentlicht 13.9.2009, zuletzt 18.7.2011. []
  4. Das und das militaristische Setting macht den Film selbst für Konservative anschlußfähig. So schreibt Kurt Schlichter in einem posting mit dem bezeichnenden Titel Top 10 Great Conservative Messages in the Movies, Part I: “Glory teaches the essential conservative truth that honor, courage, and patriotism are not the province of any one race. Now, it’s entirely possible that the makers of Glory, like the makers of some of these other films, did not think they were sending a conservative message at all. If so, they are wrong.” Zuletzt 18.7.2011. []

1 comment to Kinderkrankheiten einer Nation: Glory (Edward Zwick, USA 1989)

  • Patrick

    Sehr schön, dass du dich dem Film gewidmet hast. Ist zu lange her, dass ich den Film gesehen habe, daher kann ich im Detail nicht mitreden, aber im Grunde bin ich der Meinung, dass das ein handwerklich großartiger Film ist, der von der Message und Herangehensweise fragwürdig ist. Trotzdem werde ich ihn immer wieder weiter empfehlen!
    gruß Patrick

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