„The world is what you make of it“: Silverado (Lawrence Kasdan, USA 1985)

Von der ersten Szene an macht Silverado deutlich, dass der Film den Western nicht neuerfinden, sondern wiederfinden will: der Beginn mit einem Shootout in einer Cabbage im Nirgendwo des Westens ist eher Wiederbelebung einer klassischen Westernszene. Wer sich in den folgenden Minuten von der ins Leere laufenden heroisierenden blechlastigen Musik (Wikipedia zitiert Jay Scotts Kritik für The Globe and Mail mit der Bezeichnung der Musik als „manipulative Star Wars-style score“) nicht abschrecken läßt, bekommt dennoch einiges geboten: zwischen komödiantischem Spiel mit Western Klischees und post-70s-Toleranzwestern schwankend, tastet sich der Film voran. Schauspielerische Highlights ist dabei die Rolle des zwielichtigen Spielers für Jeff Goldblums. Kevin Costner hingegen fungiert in dem Filma als so etwas wie der Daniel Brühl des US Kinos der 1980er Jahre: nervig, mäßig begabt und nur in Rollen erträglich, in denen das Overacting der Nervigkeit durch die Rolle legitimiert ist.

Zunächst gilt es die vier Helden des Films (Emmett (Scott Glenn), Paden (Kevin Kline), Malachi ‚Mal‘ Johnson (Danny Glover) und Jake (Kevin Costner)) zusammenzubringen. Emmett findet Paden in der Wüste. Wo ihn Räuber bis auf die Unterwäsche ausgezogen zurückgelassen haben. Sie ziehen zusammen weiter und kommen in eine Kleinstadt mit einem offen rassistischen durchgeknallten Sheriff (John Cleese). Emmetts Bruder Jake sitzt eben dort im Knast und soll – wie auch sonst – am nächsten Tag gehenkt werden. Warum spielt hier keine Rolle, jedenfalls wird Paden auch noch verhaftet und Emmett muss beide befreien. Auf der Flucht vor dem Sheriff und seiner Meute treffen sie Mal wieder, dem sie vorher als einzige Weiße im Saloon der Kleinstadt gegen den rassistischen Wirt geholfen haben. Auf ihrem weiteren Weg treffen die vier dann einen Settlertreck, der ausgeraubt wurde. Jake bleibt beim Treck zurück, während die anderen drei die Verfolgung aufnehmen.
Nach einigen weiteren Wendungen des Drehbuchs kommen alle an ihr Ziel: Emmett und Jake zu ihrer Familie, Mal zu seinem Vater, Paden bleibt zunächst bei einer der Frauen aus dem Settlerzug.

Damit ist das Vorspiel des Films zu Ende und die eigentliche Handlung beginnt. (Man sieht, der Film ist ziemlich komplex erzählt. Das Drehbuch hat Kasden gemeinsam mit seinem Bruder Mark ausgeheckt.) Mals Vater wird ermordet, Paden bekommt von Cobb, einem alten Freund, eine Stelle in dessen Saloon angeboten. Cobb ist zugleich Sheriff in Silverado. Recht schnell findet Paden jedoch heraus, dass Cobb ziemlich machtbesessen ist.

Während Silverado hinsichtlich der Wiederbelebung viel zu sehr an Klischees klebt und sich einer Auseinandersetzung mit dem Western-Mythos verweigert, ist der Film als liberaler Toleranzwestern einen Blick wert. Vor dem Hintergrund von einer ganzen Reihe von race-riots Anfang der 1980er Jahre schienen sich auch Hollywoodfilme, die für eine überwiegend weißes Publikum adressierten, ab Mitte der 1980er Jahre wieder für die rassistischen Konfliktlinien der us-amerikanischen Gesellschaft zu interessieren. Neben Silverado ist im Westerngenre auch Edward Zwicks Glory (zu dem wir demnächst noch kommen) zu nennen. Das folgende ist zu verstehen als eine mögliche Deutung von Silverado, die mir beim Sichten zunehmend einleuchtend zu sein schien.

Es liegt recht nahe im Setting Silverados, mit einer Western-Klischee-Kleinstadt in der sich die Konfliktlinien kreuzen eine Metapher für die verscheidenen Machtlinien amerikanischer Vergesellschaftung in den 1980er Jahre zu sehen. Während sich Emmett und Paden gleich zu Beginn in jener Szene im Saloon aus der Masse rassistischer Weißer herausgehoben haben, indem sie Mal zumindest passiv unterstützt haben, werden die Dinge komplexer als die vier in Silverado ankommen. Während Mal durch den Mord an seinem Vater zur Rache an dem mächtigen Großgrundbesitzer im Hintergrund gebracht wird, scheint Paden der Korruption der Teilhabe an der Macht und dem bequemen Leben zu erliegen. Indem Lawrence Kasdan die klassische Westernerzählstruktur, in der die Helden nur gemeinsam gewinnen können, mit rassistischen Konflikten überlagert, gewinnt er einen Bedeutungsüberschuß für die Gegenwart: der Überwältigung durch die Macht ist nur etwas entgegen zu setzen, wenn liberale weiße Amerikaner und Schwarze gemeinsam kämpfen.
In der Zeichnung dieses Konflikts ist Kasdan erstaunlich deutlich: so begegnet Mal Paden mit Mißtrauen, als dieser ihn im Gefängnis des Sheriffs von Silverado besucht. Paden muß sich schließlich entscheiden, die Bequemlichkeit seiner korrumpierenden Machtposition aufzugeben. Erst dann ist er wieder Teil des Heldenquartetts. Für die weißen Helden des Films geht es darum, zu entscheiden, auf welcher Seite sie stehen. Padens Entscheidung wird in dem Film sehr deutlich als politisch inszeniert. In den Gesprächen mit Stella, der Saloonbetreiberin, die von Cobb abhängig ist, überzeugt diese Paden zum Bruch mit der Mehrheitsgesellschaft von Silverado mit den Worten: „The world is what you make of it“. Wollte mensch diese Lesart auf die Spitze treiben, so liesse sich die Rinder-Stampede gegen Ende des Films, mit der Emmetts und Jake ihren Bruder befreien und einem Teil der „Bösen“ das Handwerk legen als die Kraft der Multitude deuten.

So nahliegend einiges im Film diese Deutung scheinen läßt: sollte sie zutreffen, offenbart sie zugleich die Grenzen des Films. So bleibt, wie bereits erwähnt, nur den weißen Helden des Films die Möglichkeit, zwischen sich korrumpieren lassen und Widerstand zu wählen. Noch deutlicher ist Kasdan hinsichtlich sexueller Beziehungen: während alle weißen Helden des Films früher oder später heterosexuelle Begierde bekunden dürfen, ist Mals weiblicher Partner seine Schwester. Mit ihr reist er schließlich auch aus Silverado ab. Der einzige Ort schwarz-weißer sexueller Beziehungen ist im Verhältnis weißer Freier-schwarze Prostituierte.

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