Il cinema ritrovato, 3. Tag, vormittags – The Flight Comander/Fig Leaves

[Es hat mich dann doch zu sehr genervt, neben dem Festival auch noch zu bloggen. Deshalb jetzt hier Stück für Stück die Verschriftlichungen der Notizen.]

The Flight Comander (aka Dawn Patrol, USA 1930) ist Hawks erster Tonfilm, fast wichtiger jedoch: The Flight Comander ist nach The Air Circus der zweite Fliegerfilm des ehemaligen Air Force Piloten Hawks. Die technische Neuerung Tonfilm macht sich in dem Film bemerkbar, da der Film vor allem die erste halbe Stunde lang für einen Hawks-Film auffallend schlecht mit den Dialogen umgeht. (Man kann sich das ungefähr wie in deutschen Gegenwartsfilmen vorstellen: zu viele unnütze Dialoge, verbalisierte Posen etc. – nur halt trotzdem noch zehnmal besser.) Dass es sich erst um den zweiten von Hawks Fliegerfilmen handelt, fällt hingegen kaum auf: die Luftaufnahmen sind brilliant und durchweg so gekonnt und spannungsgeladen inszeniert, dass die technisch perfekten Luft(kampf-)aufnahmen der späteren 1930er Jahre, vor allem die der Nazis dagegen ziemlich alt aussehen.
Der Film handelt von einer britischen Fliegereinheit im Ersten Weltkrieg. Die schlechte Ausrüstung der Einheit und der Nachschub an frisch ausgebildeten, aber vollkommen unerfahrenen Fliegern sorgen dafür, dass Fliegen ein ziemliches Himmelfahrtskommando ist. Neben der Faszination fürs Fliegen und die Flugzeuge, hat Hawks vor allem der Konflikt innerhalb der Männergruppe der Flieger interessiert. Vor allem das Verhältnis zwischen dem jeweiligen direkten Vorgesetzten, der die Befehle umsetzen muss, andererseits um die Probleme und die Verluste an Menschenleben weiß, ist eine durchgängige Konfliktlinie des Films. Hawks baut diese Linie ziemlich gekonnt zur pathetischen Tragödie auf, indem er den Konflikt an einem Major (Neil Hamilton) etabliert, der im Film nur dazu da ist ausgetauscht zu werden gegen Dick Courtney (Richard Barthelmess). Als Courtneys wegen einer angenommenen Herausforderung durch das deutsche Fliegeras von Richter zum Major befördert wird, droht seine Freundschaft zu Douglas Scott (Douglas Fairbanks Jr.) zu zerbrechen. Hawks spitzt den Konflikt noch weiter zu, indem er Scotts Bruder ebenfalls in die Einheit versetzt und dann einen besonders gefährlichen Einsatz ansetzt.
Im Vergleich mit Only Angels Have Wings fällt auf, dass Hawks in The Flight Comander noch vollkommen auf Frauenrollen verzichtet. Während in Only Angels Have Wings der Konflikt zwischen Hawks Vorstellungen von Männerrollen und Frauenrollen eine erhebliche Rolle spielt, ist die Fliegereinheit in The Flight Comander eine reine Männergruppe. Angesichts von Hawks Vorliebe für Genderkonflikte, die auch schon in den früheren Stummfilmen deutlich herauskommen, ist kaum zu vermuten, dass das lediglich dem dem Unterschied der Produktionsweisen (Vitaphone/First National bei The Flight Comander gegenüber Columbia bei Only Angels Have Wings) geschuldet ist. Es erspart dem_r Zuschauer_in jedoch die Misogynie.
(Kopie: Library of Congress), neben der Filmseite des Festivals findet sich auf Senses of Cinema eine ausführliche Würdigung des Films von Brian Wilson findet sich hier.

Fig Leaves (USA 1926): apropos Misogynie, Hawks Komödie rund um den anachronistischen femininen Konsumismus ist darin schwer zu übertreffen. Mit der Genderbrille auf der Nase ist das einer der Hawks-Filme, die sich nur sehr beschwerlich durchleiden lassen. Ausgehend von einer Rahmenhandlung, die im paradiesischen Eden spielt und den Konflikt zwischen einem sympathisch faulen und charmant durchtrainierten Adam (Smith) (George O’Brien) und der Fingerwickelakrobatin und fashionviktimen Eve (Smith) (Olive Borden) etabliert.1 Nach dieser Introduktion, die sich von dem Film deshalb so positiv abhebt, weil Hawks hier insofern eine wirkliche Genderkomödie, in der Männlichkeiten wie Weiblichkeiten als Rollen behandelt werden (und in denen er zeigt wieviel Humor in Zwischentiteln möglich war) versetzt der Film die beiden nun mit dem neutralen Nachnamen Smith versehenen Protagonist_innen in die Gegenwart. Eve, verführt von der Schlange (die zu Alice Atkins (Phyllis Haver) wird), hat auch in der Gegenwart einen Kleiderschrank, gefüllt mit nichts anzuziehen. Nach einigen Volten verschlägt es Eve dann zu Joseph André (André De Béranger) einem hyperaffektierten Modeheini. Andrés Glitzerwelt und sein weiblicher Hofstaat aus Models wird konsequent mit überstrahltem, oft zusätzlich reflektiertem Licht inszeniert. André selbst wird als Klischee seinerselbst dargestellt, wobei das Klischee des anti-macker-männlichen Modemenschen immerhin von Zeit zu Zeit durch akrobatische Einsätze gebrochen wird.
Adam (unterdessen Klempner) ist strikt dagegen, dass seine Frau arbeitet und so beginnt Eve, von André angebaggert, gegen seinen Willen zu arbeiten. Gegen den inszenatorischen Willen von Hawks ist die Darstellung des Konflikts um arbeitende Frauen und die Beziehungs- bzw. Ehevorstellungen von Adam und Eve ziemlich spannend. In Fig Leaves ist Beziehung nur als Unterordnung möglich. Erst als Eve versteht, das Adam das Arbeitsverhältnis, das ihm „unsittlich“ erscheint, unter keinen Umständen zu akzeptieren bereit ist und es aufgibt, kann es zur Versöhnung kommen.
Anders die Models: vor allem eines der Models hat eine Art Daueräffare mit André. Anders als in den Vorstellungen von Adam und Eve folgt daraus jedoch kein Anspruch auf Exklusivität der Beziehungen und die Reaktionen auf André Anbaggerritual mit Frühlingsanrufung sind eher spöttisch als eifersüchtig. Hawks situiert die Beziehungsvorstellungen von Adam und Eve also durchaus als bürgerliche Konvention.

Wie bei vielen anderen Hawks Filmen kommt mensch als Zuschauer_in auch bei Fig Leaves kommt kaum umhin, der ideologischen Probleme mit dem Film zum Trotz, die gekonnte Inszenierung zu bewundern. Die Modeszenen etwa sind auch heute durchaus noch eindrucksvoll:


(youtube)

Szenen wie diese dürfen einerseits als Beleg der Verbürgerlichung des Kinos der 1920er Jahre gelten, andererseits sind sie gerade deswegen damals in der Komödie state of the art gewesen. Auch Lubisch inszeniert zeitgleich Modekomödien und dürfte nicht zuletzt deswegen für Hollywood interessant geworden sein.

Um den Film gab es ein ziemliches Medienbohei bei der Premiere. Nach der ohnehin üppigen Werbekampagne2 zur Premiere ließ Fox im September zunächst eine Modenschau den Film zusätzlich ankündigen3, dann Kinder zu einer Sondervorführung für Waisen auf einem Feigenblatt anfahren4

Kopie: MoMA – The Museum of Modern Art mit Erlaubnis von Twentieth Century Fox, Filmseite des Festivals.

An der Aufführung waren zwei Dinge auffällig: einerseits die wirklich beeindruckend gute, schlagfertige Klavierbegleitung durch Neil Brand. Sei es in spielerischen Zitaten aus Medienmusiken wie einem Flintstone-Theme-Zitat während der Eden-Episode, sei es in den jazzigen Begleitungen der Gegenwartsepisoden – Brand blieb brilliant ausgeglichen zwischen melodiöser Begleitung und freier Improvisation.
Recht unangenehm waren dagegen Teile des Publikums: Hawks Lacherabgreifen mit aus heutiger Sicht oft verstörend offenen Darstellungen von Phantasien und Realitäten von Gewalt gegen Frauen, führte geradezu zu Lachsalven im Publikum.


Aus: The Film Daily, 11.7.1926, S. 10

  1. Beide klassische Hawks Darsteller der Stummfilmzeit, was in mir die Frage aufgeworfen hat: waren das Ensembleentscheidungen von Regisseuren oder schlicht Studioensembles. []
  2. The Film Daily, 23.8.1926, S. 5. []
  3. The Film Daily, 9.9.1926, S. 5. []
  4. The Film Daily, 10.9.1926, S. 11. Weitere Werbeaktionen belegt in The Film Daily, 28.9.1926, S. 9, The Film Daily, 13.10.1926, S. 7, The Film Daily, 9.11.1926, S. 6 []

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