Il cinema ritrovato, 2.Tag – Von Noi vivi bis Voyage dans la lune

[Bemerkung vorweg: ich bitte die Bleiwüsterei der Postings vom Cinema Ritrovato zu verzeihen, aber ich habe keinen Nerv gerade auch noch hübsche Photos zu besorgen. Vielleicht trage ich das ja noch nach.]

Noi vivi / Addio Kira

Einer der spannendsten Filme bisher war Goffredo Alessandrinis Zweiteiler Noi vivi (I 1942, 122′)/ Addio Kira (I 1942, 109′). Alessandrini gehört zu den Regisseuren die mit dem Relaunch der italienischen Filmwirtschaft unter und mit dem Faschismus seit Mitte der 1930er Jahre steile Karriere machen. Alessandrinis Debut im direkten Propagandafilm Cavalleria (I 1936) sorgt für einige Aufmerksamkeit. Noi vivi ist die Verfilmung eines Romans der russischen Emigrantin Ayn Rand. Rand war 1926 aus der jungen Sowjetunion der NEP ausgereist und in die USA gegangen. 1936 erschien ihr autobiographisches Romandebut We the Living (mit Noi vivi recht wörtlich ins Italienische übersetzt. Anders als der deutsche Buchtitel Vom Leben unbesiegt), der die Erlebnisse einer jungen Frau, Kira, im nachrevolutionären Russland schildert. Kiras Familie ist mit der zunehmenden Etablierung der Bolschewiki an der Macht altäglichen Schikanen ausgesetzt. Die Handlungszeit bleibt im Film seltsam unbestimmt. Vermutlich sind jedoch die letzten Jahre während bzw. die ersten Jahre nach dem Bürgerkrieg gemeint.

Dass Alessandrini Rands Roman zur Vorlage für einen Film gewählt hat, wird üblicherweise mit dem Antikommunismus erklärt. Das ist auch der Grund warum der Film in einer recht unklar kuratierten Reihe mit dem Titel Nel cuore del novecento: il Socialismo, tra paura e utopia (Im Herzen des 20. Jahrhunderts: der Sozialismus zwischen Angst und Utopie) läuft. Dennoch wer offensive antikommunistische Hetze wie in den antikommunistischen Filmen der Nazis erwartet, irrt: Noi vivi ist – wie offenbar Rands Buchvorlage auch (die ich nicht gelesen habe, sondern nur über sie) – eher eine Kritik am Antiindividualismus der Sowjetunion. Die zweite Stoßrichtung des Antikommunismus in Buch und Film ist die Darstellung des stalinistischen Terrors; diese mag in ihrer Instrumentalisierung antikommunistisch sein, ist jedoch ebenfalls eher milde im Vergleich zu den Filmen des NS. Die Charaktere der Kommunist_innen in Noi vivi sind fast durchweg brüchig. Bis auf Sonja eine besonders dargestellte Kommunistin der Ingenieursfakultät, haben alle Kommunist_innen auch positive Züge, verhalten sie sich auf die eine oder andere Weise der Protagonistin gegenüber „menschlich“.
Die visuelle Betonung der negativen Charakterzeichnung Sonjas ist besonders auffällig in einer Szene, in der sich die Liste der Parteistudent_innen in der Universität zur Wahl stellt für den Studentenrat. Alessandrini (und Rand?) überhöht diese Szene zu einer Schlacht zwischen Roten und Weißen. Und während in dieser Szene (ich hoffe diese Beobachtung ist nicht nur der recht mäßigen Kopie des Films aus der Cineteca Nazionale geschuldet) die Kommunist_innen allgemein weniger hübsch geschminkt sind, alle etwas verschwitzt wirken und sich von den hell geschminkten Gesichtern der Weißen unschön absetzen, ist Sonja fast schon abstoßend gezeichnet. Fettige verschwitze Haare, unreine Haut, rüpelhaftes Benehmen: die negative Aufladung Sonjas inszeniert Alessandrini zu weiten Teilen über eine Ent-feminisierung Sonjas, ganz in der Tradition des antikommunistischen Klischee des „roten Flintenweibs“.

Hinsichtlich der Entstehung des Films ist eine Reihe von Dingen zu bedenken: 1942 war für den italienischen Faschismus das Jahr, in dem das zwanzigjährige Jubiläum der Macht gefeiert wurde. Wichtiger noch dürfte sein, dass sich Italien seit 1940 aktiv am Zweiten Weltkrieg beteiligte und unter anderem am Krieg gegen die Sowjetunion teilnahm. Andererseits brachte die zweite Hälfte der 1930er Jahre zumindest die Filmemacher und Intellektuellen des Faschismus in Kontakt mit sowjetischem Filmschaffen. Es ist also durchaus bemerkenswert, dass Alessandrini in dem ganzen Film große Mühe auf die Darstellung sowjetischen/russischen Alltags verwendet. So durchziehen den Film vor allem zu Beginn Lieder, die wenn sie individuell gesungen werden, meist eine Sehnsucht der Protagonistin nach dem „alten Russland“ bzw. dem „wahren Russland“ transportieren. In Gruppen gesungen, dienen diese Lieder zur visuellen wie klanglichen Bildung spontaneistischer „Massen“konfrontationen (so etwa in der oben bereits genannten Szene bei den Wahlen zum Studentenrat). Aber auch sonst durchzieht den Film ein Hang zum Sowjetizismus, der über die Liebe zur Ausstattung hinausgeht: die Ortsschilder und Schriftstücke werden stets zuerst auf Russisch eingeblendet und dann auf Italienisch übersetzt. Die Plakate an den Wänden, die Lieder in Cafés und die Musik all sie sind auf russisch. Vergleicht man das mit der Darstellung von Sowjetbürger_innen in den Propaganda-Thrillern von Karl Ritter, wird der Unterschied noch um einiges deutlicher. Wo Karl Ritter schlecht gesprochene Akzente reichen, um „die Kommunisten“ zu zeichnen, ist Alessandrini fast schon kulturwissenschaftlich an der Sowjetunion interessiert.

Visuell ist der Film neben dieser Präzision vor allem durch die Kameraarbeit von Giuseppe Caracciolo geprägt. Auffällig sind die zahlreichen Einstellungen mit sehr geringer Schärfentiefe. Eine inhaltliche Auffälligkeit ist die für einen italienischen Film vergleichsweise hohe Präsenz antisemitischer Kapitalismuskritik in dem Film.

Der zweite Teil ist geprägt von dauernden Säuberungen. Alessandrinis Darstellun der damit verbundenen Entwicklungen innerhalb der Kommunist_innen, die Parteiveteranen, die entweder korrupt werden oder sich schließlich nur noch mit der Wahl konfrontiert sehen, sich entweder selbst umzubringen oder umgebracht zu werden, all das warf beim Sehen zunehmend die Frage auf, ob Alessandrini nicht auf dem Umweg über diese Schilderung der Dekadenz der KP und dem Verrat an der Idee des Kommunismus eine Beschreibung des italienischen Faschismus ein Jahr vor dem Machtentzug Mussolinis durch die faschistischen Eliten unternimmt. Wenn Alessandrini das so angelegt haben sollte, wäre der Film allerdings eine so faschische Kritik am „Niedergang“ des Faschismus, dass Alessandrini selbst faschistischer erschiene als mir das bisher klar war. Andererseits wäre auf diese Weise die Wahl eines bürgerlichen Melodrams als Medium des Antikommunismus von Noi vivi klarer. Während Karl Ritter in seinen Propaganda-Thrillern immer wieder schildert, wie den „kommunistischen Machenschaften“ auf die Spur gekommen und das Handwerk gelegt wird, schildert Alessandrini vor dem Hintergrund großer Politik die Zerstörung menschlicher Existenzen durch die Ideologeme.

Le voyage dans la lune

Den Abend beschloß ein Doppel-/ bzw. Dreifach-Feature aus Murnaus Nosferatu und der frisch restaurierten Fassung von Georges Méliès. Le voyage dans la lune lief gleich zweifach an dem Abend. Zunächst vor Nosferatu begleitet von Musik von Jacques Offenbach und dann noch einmal nach Nosferatu, begleitet von Musik von AIR. Während die vom Orchestra del Teatro Comunale di Bologna vorgetragene Offenbach-Musik in ihrer launigen Beschwingtheit hervorragend zu dem Unterhaltungsfilm passt, dümpelt die AIR Musik in der beliebigen Belanglosigkeit vor sich hin und entblödet sich beiweilen noch des dümmsten Naturalismus nicht.
Um es kurz zu machen: das Resultat der Restaurierung ist atemberaubend. Nicht nur der Farbe wegen, auch wenn diese natürlich beeindruckend ist. Fast noch toller sind jedoch die Details, die endlich wieder auf dem Film erkennbar sind. Jene Kopie, die unlängst in Berlin zu sehen war, bestand zu solch großen Teilen aus Schrammen und Kratzern, dass das eigentlich Geniale des Films, die Trickeffekte, das Spielerische des Film oft kaum oder nicht erkennbar waren. Für Details zur Restaurierung dieses Überklassikers verweise ich auf den Bericht anläßlich der Aufführung des Films in Cannes auf The Bioscope (besonders das dort verlinkte 192 seitige pdf der Technicolorstiftung La couleur retrouvée du Voyage dans la Lune / A Trip to the Moon Back in color, auf Französisch und Englisch, sei nachdrücklich empfohlen) (siehe auch hier).

Wenig überraschend ist der Film Teil einer kleinen Reihe zur Farbe im Stummfilm (I colori del muto). Die Restauration von Farben im Film ist offenbar eines der heißen Themen in der Restaurierungswelt des Films.

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