Materialien zur italienischen Kinokultur nach dem Zweiten Weltkrieg II

Le quattro giornate di Napoli (Die vier Tage von Neapel, I 1962, Nanni Loy) ist in Deutschland nahezu unbekannt. Nur in Publikationen zu den deutschen Verbrechen in Italien nach 1943 findet er hin und wieder Erwähnung. Ebenso unbekannt wie der Film selbst ist jene Episode, die als deutsch-italienischer Filmkrieg bekannt wurde. Im Kern ging es in ihr um von Filmen, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus und vor allem der deutschen Besetzung Italiens von 1943 bis 1945 beschäftigten.

Um den zeithistorischen Hintergrund klar zu machen hier ein kurzer Abriß der Geschichte dieser Besetzung: am 10.7.1943 landen die Alliierten in Sizilien. Damit widersetzen sie sich wünschen der italienischen Eliten, die gehofft hatten, indem sie Mussolini absetzen, die Zusammenarbeit mit den Faschisten jedoch fortsetzen, wäre alles erledigt, und man könne die Alliierten bewegen, dieser Regierung die Kartoffeln aus dem Feuer zu holen. Diese Hoffnung versuchen die Eliten dann durch die Absetzung Mussolinis durch den faschistischen Großrat am 25.7.1943 dennoch wiederzubeleben. Bereits am 12.8. kommt es in Castiglione di Sicilia zu einem ersten Massaker der Deutschen an italienischen Zivilisten. Am 3.9. schließen Italiener und Alliierte einen Waffenstillstand, dieser wird am 8.9.1943 offiziell verkündet. Schon am nächsten Tag flieht das Staatsoberhaupt des faschistischen Italiens, der König, nach Brindisi. Einen weiteren Tag später ergeht der erste Befehl der Kriegsverbrechen nicht nur begünstigte, sondern anordnete:

„Dort, wo ital. Truppen oder sonstige Waffenträger z.Zt. noch Widerstand leisten, ist ihnen ein kurz befristetes Ultimatum zu stellen, dabei ist zum Ausdruck zu bringen, daß die für den Widerstand verantwortlichen ital. Kommandanten als Freischärler erschossen werden, wenn sie bis zur festgesetzten Zeit nicht den Befehl an ihre Truppen zur Abgabe der Waffen an die deutschen Verbände gegeben haben.1

Zwei Tage später, am 12.9., folgte jener Befehl, der die erste Grundlage für die sogenannten italienischen Militärinternierten schuf:

„Auf Befehl des Führers ist mit italienischen Truppenteilen [..] nach der Gefangennahme wie folgt zu verfahren: 1.) Die Offiziere sind standrechtlich zu erschießen. 2.) Uffz. und Mannschaften sind unmittelbar, unter möglichster Umgehung des Transportweges durch das Reich nach Osten durch AWA/Chef Kriegsgef. zur Verfügung Gen.St.d.H [Generalstab des Heeres; orcival] / Gen.Qu. [Generalquartiersmeister; orcival] zum Arbeitseinsatz zu bringen.“2

Am 12.9.1943 wird Mussolini durch deutsche Verbände befreit. Vorher jedoch erklärt die vom König beim faschistischen Karrieregeneral Badoglio in Auftrag gegebene Regierung Deutschland den Krieg. Die Episode, die Le quattro giornate behandelt, spielt keine zwei Wochen später. Nachdem es Anfang September in Neapel zu einer ersten Aufstandswelle gekommen war, kam es in den Tagen zwischen dem 23./24. und dem 30.9.1943 zu einer erneuten größeren Erhebung. Diese richtete sich v.a. gegen eine von den Deutschen veranstaltete Menschenjagd, die in erster Linie Männer, als Arbeitskräfte zur Deportation nach Deutschland bringen wollte. Ein weiterer Anlaß für den Aufstand war die Räumung eines Stadtviertels, die vom innerhalb einer Nacht (vom 23. auf den 24.9.) etwa 200.000 Neapolitaner_innen wohnungslos machte. Das sind interessanterweise dieselben Tage, in denen im Norden der deutsche Marionettenstaat, der Stato Nazionale Repubblicano (die spätere Repubblica Sociale Italiana), gegründet wird.

Der west-deutsche Protest gegen Die vier Tage von Neapel richtete sich vor allem dagegen, daß „die Deutschen“ bei der Darstellung der Ereignisse nicht gut weg kamen. Besonders schön ist die Aussage des damaligen Kulturattaches der deutschen Botschaft in Rom, einem Herren von Rummel: „Befragte deutsche Offiziere, die im September 1943 im Raum Neapel standen, erinnern sich nicht an Vorfälle dieser Art. Unter den Anklagepunkten gegen Generalfeldmarschall Kesselring waren derartige Geschehnisse ebenfalls nicht aufgeführt.“3 Die Zeit bemerkt zu der Angelegenheit: „Zusammen mit de Sicas ‚Eingeschlossenen‘ [von Altona; orcival] war es gerade dieser Film, der zu Beginn des letzten Jahres die Wächter deutscher Ehre auf den Plan rief und hierzulande das Gerede von den bösen Italienern, die permanent und hinterhältig unser Nationalgefühl verletzen, auslöste. Eine unstatthafte und doch bei uns sehr beliebte Reaktion auf Kritik, ein nur schwer zu deutender Anflug von Verfolgungswahn und schlechtem Gewissen in diesem Fall.“4 Noch deutlicher war zuvor Ulrich Gregor in seinem Kommentar geworden: „Die italienischen Kriegs- und Widerstandsfilme (übrigens eine Minderheit in der gesamten Produktion) sind nicht ‚antideutsch‘, sondern antinazistisch. Als ‚antideutsch‘ werden sie nur von jenen Beobachtern empfunden, die sich mit den Vertretern der SS, der Wehrmacht oder anderer Organisationen des Hitlerregimes, wenn sie auf der Filmleinwand auftauchen, direkt oder indirekt identifizieren.“5

Die Proteste waren also einerseits Teil einer (post-)faschistisch-konservativen Medienempörung in West-Deutschland, die einen deutsch-italienischen Filmkrieg beschwor. Andererseits reihten sie sich ein in die Empörung die immer dann aufkam, wenn es um eine kritische Darstellung der deutschen Verbrechen in europäischen Filmen ging. Es ist interessant, dass diese Empörung meist von der deutschen Außenpolitik unterstützt wurde. Der bekannteste Fall ist die erzwungene Absetzung von Resnais Nuit et brouillard (Nacht und Nebel) in Cannes. Interessant ist es auch zu beobachten, dass es in der Besprechung dieser Fälle erkennbare Unterschiede zwischen Spiegel und Zeit gibt: während der Spiegel die Skandale meist mitproduziert, relativierenden Statements von Nazis viel Raum gewährt und selten kritsche Stimmen hören läßt, findet sich in der Zeit recht früh erhebliche Kritik an diesen Entwicklungen und vor allem der Flankierung durch die offizielle Politik. Es scheint, als fände sich der Befund von Spiegel-Kritikern wie Otto Köhler, dass vor allem der Spiegel der Anfangszeit eine starke revisionistische Schlagseite hatte, auch hier bestätigt.6

Auch in Bezug auf die deutsche Wahrnehmung von italienischen Filmen über die Nazis hatte die Empörung Tradition: So wurde Rossellinis Roma città aperta in der BRD zunächst nicht zugelassen wegen der Darstellung der deutschen Armee. Paisà von Visconti durfte nur geschnitten gezeigt werden. Die Argumente der 1960er Jahre scheinen denen der direkten Nachkriegszeit entsprochen zu haben: So führt der Spiegel-Artikel Ganz große Helden aus: „Die Kritiker der Widerstandswelle bemängelten, daß die Hersteller dieser Filme – nicht auf die Herkunft des Faschismus (Italien) hinweisen, – ähnliche Filme über Untaten sowjetischer Soldateska nicht gedreht haben, – zu selten „gute“ Deutsche zeigen, – nicht immer klar zwischen Angehörigen der SS und gewöhnlichen Landsern unterscheiden [werde].“
Dass Kritik dieser Art auf die Aufrechterhaltung des Mythos von der sauberen Wehrmacht zielte, muss wohl nicht weiter ausgeführt werden. Auch der Vorwurf, italienische Filme behandelten den italienischen Faschismus nicht, ist wohl eher in der Unkenntnis der italienischen Produktion bei einigen deutschen Kritikern begründet. Gerade die frühen 1960er Jahre brachten eine kleine Reihe mit Filmen zum Thema. Aus dem Stand zwei Beispiele Dino Risis La marcia su Roma (Der Marsch auf Rom, I 1961) und das recht ambitionierte Projekt von Lino Del Fra, Cecilia Mangini und Lino Miccichè All’armi siam fascisti (Zu den Waffen, wir sind Faschisten, I 1961) einen faschistischen Propagandafilm durch Bearbeitung zu kommentieren. Dennoch: der Umgang mit dem italienischen Faschismus in den Vier Tagen von Neapel wurde auch in Italien kritisiert. So monierte der sozialistische Abgeordnete Pasquale Schiano, dass die Verbrechen der italienischen Faschisten in dem Film weitgehend fehlen.

Die Seite zum Film des letzten CineFest versammelt eine Reihe von Besprechungen zum Film, auch die italienische Seite in Übersetzung.

  1. Bundesarchiv-Militärarchiv (Freiburg) RM 7/950, Seekriegsleitung, Mittelmeer Akte II, 16, „Alarich und Konstantin“, „Achse“, op., Juli-Oktober 1943, OKW WFSt Nr. 005186/43 G.Kdos.,10.9.43, zitiert nach Gerhard Schreiber: Deutsche Kriegsverbrechen in Italien, München: Beck 1996, S. 41 []
  2. Akten zur deutschen Auswärtigen Politik, Serie E, Bd. 6, Dok 314, S. 537, zitiert nach Schreiber: Kriegsverbrechen, S. 43 f. Die eigentliche Grundlage, die die gefangen genommenen italienischen Truppen von Kriegsgefangenen zu Militärinternierten machte, ist ein Befehl vom 20.9.1943. []
  3. Ganz große Helden, in: Spiegel 50/1962 (12.12.1962). Zudem listet der Artikel eine Reihe weiterer Filme auf, die den Deutschen auch nicht in ihr Selbstbild passten: General della Rovere (Der falsche General, I 1959, Regie: Roberto Rossellini), L’oro di Roma (Das Gold von Rom, I 1961, Regie: Carlo Lizzani), Dieci italiani per un tedesco (Via Rasella) (Zehn Italiener für einen Deutschen, I 1962, Regie: Filippo Ratti), Kapò (Kapo, I 1961, Regie: Gillo Pontecorvo), La ciocara (Und dennoch leben sie, I 1960, Vittorio de Sica). Die Deutschlandpremiere ist dem Spiegel dann schon nur noch Anlaß für schmallippiges Nachtreten: Neu in Deutschland. Die vier Tage von Neapel, in: Der Spiegel 9/1964, 26.2.1964). []
  4. Film, in: Die Zeit 4/1964, 24.1.1964). []
  5. Ulrich Gregor: Der Kinobesucher und das „nationale Gefühl“. Verräterische Proteste gegen italienische Filme, in: Die Zeit 8/1963, 22.2.1963. []
  6. Der Vergleich fällt bei diesen beiden besonders leicht, weil beide ein gut durchsuchbares Onlinearchiv haben. []

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