Chips und Trauma. Die Bundeswehr im Fernsehfilm

Untenstehender Artikel ist die Langfassung eines Artikels für die AK. Die gekürzte Fassung ist in AK #558 erschienen. Dass ich den Artikel hier zur Verfügung stelle, geschieht nicht zuletzt in der Hoffnung, dass jemand was mit der Filmographie anfangen kann, die aus nachvollziehbaren Gründen in der Printversion keinen Platz fand.

Chips und Trauma. Der Bundeswehreinsatz in Afghanistan im Fernsehen

In den letzten Jahren entstanden eine ganze Reihe von Filmen, die sich den Afghanistankrieg und die Bundeswehr zum Thema hatten. Gegenüber dem Umgang mit früheren Einsätzen der Bundeswehr fällt dabei auf, dass vor allem die psychischen Folgen bei den eingesetzten Soldaten und deren Wiedereingliederung in ihre Umgebung thematisiert wird. Letztes Beispiel für diese Art filmischen Umgangs mit der Gegenwart war der Tatort unter dem Episodentitel Heimatfront, den es am 11.1. auf der Mattscheibe zu erdulden galt.

Heimatfront thematisiert ausgehend von den Ermittlungen in einem Mordfall die Posttraumatischen Belastungsstörungen von vier Fallschirmspringern der Bundeswehr, die vor kurzen aus Afghanistan zurückgekehrt sind. Die Ermordete war eine Künstlerin, die bei einer Performance mit einem Präzisionsgewehr erschossen wurde. Bei den Untersuchungen stellt sich heraus, dass sie und ihr Freund zuvor Videos von Therapiesitzungen der Fallschirmspringer veröffentlicht hatten. Mit dem Thema Trauma bei Soldaten aus Afghanistan schließen Regisseur Jochen Alexander Freydank und das Drehbuchautorenteam Christiane Hütter, Christian Heider und Uwe Wilhelm an eine Reihe von Vorgängern an. Zu den bekannteren zählen der 2008 im Rahmen des Forums auf der Berlinale uraufgeführte Nacht vor Augen und Willkommen zuhause.

„Oh warte, es ist verdammt real, wir sind im Krieg“

Zwei Ansätze einen die drei Filme: zum einen behaupten alle drei eine mehr oder minder akkurate Auseinandersetzung mit den „realen“ Problemen. Im Falle des Tatorts wird in zahlreichen Interviews der Beteiligten darauf verwiesen, dass die meisten Toten der Bundeswehr aus der Saar-Brigade kommen. Interessanter noch ist, dass alle drei Filme nach Aussage ihrer Regisseure oder Autor_innen irgendwie kritisch sein sollen. Beim Jochen Alexander Freidank klingt das so: „Ich kann nur sagen, dass meine persönliche Meinung ist, dass ich es sehr schwierig finde, dass sich Deutschland an Kriegen beteiligt, wo keine Ziele definiert sind, also wo man gleichzeitig Terrorismus bekämpfen will, andere Länder mit den Vorteilen unserer Demokratie beglücken will, ohne vorher mit denen zu reden, ob sie das auch so haben wollen. Das halte ich für sehr schwierig. Ich bin jetzt kein Pazifist in dem Sinne, sehe diesen ganzen Einsatz in Afghanistan aber mit ganz großer Skepsis.“
Angesichts von Aussagen wie dieser erstaunt es, dass Heimatfront einige krude Drehbuchwendungen darauf verwendet, die Antikriegsbewegung einzubauen. Die Darstellung der Proteste dagegen ist zwar gewohnt schematisch, wie immer wenn es im Tatort um soziale Bewegungen geht, hier aber interessant, weil die zwischen Solidarisierung mit der Bundeswehr und Genervtheit schillernde Haltung der Kommissare den Gegenpol bildet: eine legitime Form der Kritik am Bundeswehreinsatz scheint es in dem Film nicht zu geben.
Auch die Fähigkeit der Kommissare zur Ermittlung muß da erst unter Beweis gestellt werden: So kriegt das Alphamännchen der beiden Kommissare, Kappl (Maximilian Brückner), gleich bei seinem ersten Besuch in der Kaserne die aktualisierte Version von „Ham se jedient?!“, „Waren Sie bei der Truppe?“ zu hören und antwortet geflissentlich, dass er bei den Gebirgsjägern in Mittenwald war. (Das ist just jene Einheit, die unlängst durch die Verfütterung von roher Leber und Unmengen von Alkohol sowie andere Schikanen an jungen Rekruten von sich reden machte. Zudem ist Mittenwald Schauplatz des Gebirgsjägertreffens bei dem regelmäßig Kriegsverbrechern gedacht wird.)
Zivilisten taugen diesem Tatort nur, wenn sie zuvor Soldaten waren und auch sonst läßt sich der Tatort sehr weitgehend auf einen militarisierten Blick auf die Problemlage ein. Schon der Titel legt das nahe: Heimatfront bezeichnet die Einbeziehung der Zivilbevölkerung einer Krieg führenden Nation in den Krieg. Die Einbeziehung meint dabei fast immer die Ausweitung einer militärischen Logik über die Armee hinaus. Es geht um die Absicherung eines ziviler Unterstützung, jene Bereitschaft zur Aufnahme von Zinksärgen die der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe Ende der 1990er Jahre der deutschen Bevölkerung noch absprach. Wer die Phalanx von Spiegel- und B.Z.-Autor Matthias Mattusek und dem passionierten Bundeswehrkappenträger Dirk Niebel in der Anne Will-Sendung im Anschluß an den Tatort erlebte, zweifelt sicher nicht mehr daran, wie offen militaristisches Denken mittlerweile im deutschen Mainstream auftritt.

Die Wagnisse des Zivilen

Deshalb ist es auf den ersten Blick erstaunlich, dass der filmische Umgang immer auf das Wiederzivilwerden der Soldaten abzielt. Zugleich wird hier eine erste politische Schlagseite des Tatorts deutlich: Nacht vor Augen und Willkommen zuhause inszenieren die Konfrontation zwischen Militär und Zivilist_innen als Beziehungsdrama, dessen Auflösung darin besteht, dass die Soldaten wieder tauglich werden für den Alltag. In Heimatfront hingegen löst sich der Konflikt nicht auf. Bis auf einen findet keiner der vier Fallschirmspringer zurück. Der Truppführer der vier reklamiert als Grund für sein Scheitern, als Soldat würde man bespuckt und beschimpft. Genau darin liegt für den Tatort das Problem, im mangelnden Respekt vor „dem Soldaten“.
Folgt man Heimatfront treten die Probleme eigentlich erst auf, wenn der Bundeswehrsoldat auf die übermäßig zivil gesinnte deutsche Bevölkerung trifft: dass Probleme innerhalb der Bundeswehr sowohl für das Entstehen einer posttraumatischen Belastungsstörung wie auch für den Sexismus, den Rassismus und die Neigung zu maskulin-patriarchalem Unfug innerhalb dieser eine Rolle spielen, davon ist in dem Tatort nichts zu sehen.

Wie eng diese Blindstelle mit der Fixierung auf die vermeintlichen Probleme zwischen Bevölkerung und Soldat_innen zusammenhängt, zeigt die Gegenüberstellung mit dem erstaunlicherweise recht gelungenen Fernsehfilm Kongo. Dieser entwickelt aus den Ermittlungen zu einem Selbstmord im Bundeswehrkontingent der EUFOR-Mission in der Demokratischen Republik Kongo eine durchaus nicht unkritische Auseinandersetzung mit der Haltung von Bundeswehrsoldaten in Auslandsmissionen. Kongo ist zudem der einzige der Filme mit Soldatinnen in einer sprechenden Rolle.
Es ist verlockend, ausgehend von diesem Gegenbeispiel, auf die Darstellung mangelnder interne Kritikfähigkeit und Kontrolle in Heimatfront hinzuweisen. Nicht nur die Bundeswehr hat in diesem keine internen Probleme, auch die Polizei hat diese nur im Umgang mit anderen. So unterzeichnet Kappl seinem Kollegen Dillinger zu Beginn des Films den Antrag auf Einstellung eines Disziplinarverfahrens wegen Gewalttätigkeit – ganz offenbar ohne zu wissen worum es geht. Ein paar Minuten später folgt dann die Feststellung, wie man es als Polizist auch mache, man mache es ja eh falsch. (Passenderweise jagte „Schimmi“ am folgenden Sonntag Polizisten, die korrupt wurden, weil sie verachtet und bespuckt wurden.)

Interessant, dass dem Tatort trotz nicht vorhandener kritischer Distanz zur Bundeswehr seitens des Bundesverteidigungsministerium die Drehgenehmigung verweigert wurde. Dank der Hilfe der Luftlandebrigade in Saarlouis durfte dann trotzdem drehen; und – so Freydank – „ein paar Reservisten und ein paar Fahrzeuge hat man uns dann doch noch überlassen.“ Wer Philipp Scheffners Dokumentation über das Eindringen des Krieges in den deutschen Alltag, Der Tag des Spatzen, gesehen hat und das darin enthaltene Telefonat mit der Pressestelle der Bundeswehr hat sich ohnehin keinen Illusionen über den Willen zur Transparenz seitens der Bundeswehr und des Verteidigungsministeriums gemacht. Die Bundeswehr stellt sich wohl nur noch offene Propaganda als Auseinandersetzung vor.

Filmographie
Die Friedensmission – 10 Stunden Angst, D 1997, Regie: Jörg Grünler, Drehbuch: Johannes W. Betz
Die Todesfahrt der MS Sea Star, D 1999, Regie: Mark von Seydlitz, Phoenix Film für Pro Sieben
Kein Bund für’s Leben, D 2007, Regie: Granz Henman, Drehbuch: Carsten Funke, Oliver Ziegenbalg, Oliver Philipp, Robert Löhr, Produktion: Wiedemann & Berg u.a. in Koproduktion mit ProSieben Productions
Nacht vor Augen, D 2008, Regie: Brigitte Maria Bertele, Drehbuch: Johanna Stuttmann, Produktion: noirfilm Filmproduktion mit dem Südwestrundfunk (SWR), Fördersumme des SWR € 400.000,-
Willkommen zuhause, D 2008, Regie: Andreas Senn, Drehbuch: Christian Pfannenschmidt, Produktion: Teamworx mit Kromschröder & Pfannenschmidt im Auftrag des Südwestrundfunk (SWR). 3,99 Mio. Zuschauer, 11,9% Marktanteil.
Bloch – Tod eines Freundes, D 2009, Regie: Züli Aladag, Drehbuch: Marco Wiersch, Produktion: WDR
Kongo, D 2010, Regie: Peter Keglevic, Drehbuch: Alexander Adolph, Produktion: Teamworx, Two Oceans im Auftrag des ZDF. 3,96 Mio. Zuschauer, 11,9% Marktanteil.
Tatort – Heimatfront, D 2011, Regie: Jochen Alexander Freydank, Drehbuch: Christiane Hütter, Christian Heider und Uwe Wilhelm, Produktion: ProSaar Medienproduktion, Saarländischer Rundfunk (SR), ARD Degeto Film. Deutschland: 8,58 Mio. Zuschauer, 22,4% Marktanteil, Österreich: 694.000, 22% Marktanteil .

laufende Drehbuchförderungen
Radio Zhora (Arbeitstitel), Drehbuch: Carsten Unger, Drehbuchförderung 27.000,-
Kabul, Afghanistan (Arbeitstitel), Michael Dreher, Drehbuchförderung 28.500,-

zudem plant Feo Aladag (Die Fremde) derzeit einen Film zum Thema. Die dpa zitiert sie dazu: „Der Einsatz und das Schicksal der Soldaten werde in Deutschland verdrängt. Aladag recherchiert zurzeit bei der Bundeswehr und in Afghanistan für ihren Kinofilm. ‚Dabei erfahre ich aus allen relevanten Bereichen eine unglaubliche Unterstützung, die mich trägt und die viel Kraft für dieses neue Projekt spendet.‘ In dem Film werde es um ‚den Alltag und Mut, den Idealismus und die Ängste, die Wünsche und Hoffnungen der Soldatinnen und Soldaten‘ gehen.“

Zwei Nachträge: während ich den Artikel geschrieben hab, ging das Sponsoring von Autos, v.a. durch Daimler-Benz, im Tatort immer wieder durch die Presse. Dabei ging es in der medialen Verwurstung vor allem darum, dass immer nur „die Guten“ Mercedes fahren dürfen, die Bösen nicht. Ausgehend davon schiene es mir lohnenswert, sich die Sponsorstrukturen und Unterstützungen des Fernsehens am Beispiel Tatort mal näher anzusehen. Das ist ja interessanterweise auch nach dem Skandal um Dagmar Heinze ausgeblieben. Dabei schreit ja beispielsweise jeder Tatort mit der in jeder Hinsicht talentfreien Maria Furtwängler, die von Heinze zum Tatort gebracht wurde und Vehikel ihrer „Drehbücher“ war nach einer Auseinandersetzung. Dass der Tatort überdies gern damit hausieren geht, „Realität“ abzubilden, macht das zudem verlockend. Im Falle von Benz und Bundeswehr kommt halt hinzu, dass das mit einer Schere im Kopf einhergeht. (Ich hab das mal als Tag eingeführt, mal schaun ob ich dazu in nächster Zeit weitere gute Beispiele finde.)
Zweiter Hinweis: ich such Texte, gerne auch Statistik, dazu, warum Leute seit ein paar Jahren mehr Tatort gucken.

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