Zweimaleinhalb Mal Neues vom italienischen Film

Zwei interessante Neuigkeiten vom italienischen Film sind mir letzte Woche untergekommen. Beide wurden im Kontext der Vermarktung des italienischen Films in Cannes zur Meldung.
Die erste betrifft das Projekt eines Films über den Polizeiangriff auf die Diaz-Schule im Rahmen des G8 Gipfels in Genua 2001: Domenico Procacci, Produzent einer ganzen Reihe von italienischen A-Filmen der letzten Zeit (u.a. Gomorra und zuletzt Habemus Papam (brrrrr)) plant offenbar eine filmische Adaption der Ereignisse in der Diaz-Schule. Regie soll Daniele Vicari führen, der seiner Filmographie nach zwischen sozialdemokratischem Engagement und Belanglosigkeit anzuordnen ist. Vicaris Debut war eine Doku über den Kampf der Partisan_innen in der Emilia Romagna, es folgte eine Art Road-Movie auf den Spuren von Joris Ivens L’Italia non è un paese povero unter dem schwierigen Titel Il mio paese (Mein Land), der sich vor allem durch sein Unverständnis für Ivens Film auszeichnete und sein letzter Film war eine Verfilmung der erfolgreichen (und recht guten) Krimis von (Il passato e una terra straniera (Die Vergangenheit ist ein unbekanntes Land)).

Schlagzeilen machte Procaccis Projekt, das unter dem Titel Non pulite questo sangue (Wischt dieses Blut nicht weg) weil er das Script zum Film in vorauseilendem Gehorsam dem Chef der italienischen Polizia di Stato, Antonio Manganelli, geschickt hat und sich mit diesem auch Treffen will. Anders offenbar als mit denen die damals von der Manganellis Angestellten verprügelt, gefoltert und bedroht wurden. Der Protest kam postwendend und ich habe das mal unten übersetzt:

„Wir entnehmen den Medien dass die Produktionsfirma Fandango im Begriff ist die Aufnahmen zu einem Film über die Nacht der Diaz-Schule zu beginnen, den gewalttätigen Einsatz der Polizia di Stato vom 21. Juli 2001, der mit unzähligen Verletzten, 93 Festnahmen auf Basis gefälschter Beweisstücke und 25 Verurteilungen in zweiter Instanz für Funktionäre und höchste Polizeiführer endete. Domenico Procacci, Gründer von Fandango, hat mitgeteilt, dass er dem Chef der Polizei eine Kopie des Drehbuchs geschickt hat und darauf wartet, sich mit ihm zu treffen.
Wir sind überrascht und besorgt darüber, weil Procacci nichts derartiges mit uns getan hat, trotz entsprechender Kontakte und Ermunterungen. Wir waren entweder selbst in die Vorgänge der Diaz und die Prozesse die auf den G8 Gipfel in Genua folgten entweder selbst verwickelt oder durch die Komitees, die wir repräsentieren. Fandango kann natürlich tun, was sie wollen, aber wir sind nicht damit einverstanden das Drehbuch präventiv dem Chef der Polizia di Stato zu zeigen und nicht denen die Opfer der Gewalt der Polizisten in jener Nacht wurden.

Lorenzo Guadagnucci, Komittee Verità e Giustizia per Genova (Wahrheit und Gerechtigkeit für Genua), Autor von „Noi della Diaz“ (Wir aus der Diaz)
Enrica Bartesaghi, Präsident des Komittees Verità e Giustizia per Genova
Vittorio Agnoletto, ehemaliger Pressesprecher des Genua Social Forum, zusammen mit Lorenzo Guadagnucci Autor von „L’eclisse della democrazia“ (Die Sonnenfinsternis der Demokratie)
Haidi und Giuliano Giuliani, Komittee Piazza Carlo Giuliani“1

Es steht zu erwarten, dass Procacci den Film bis zum Jahrestag fertig haben will. Man darf gespannt sein, wie geschichtsklitternd der Film wird. In Cannes jedenfalls hat Procacci die „internationale“ (dem Cast nach italienisch-deutsch-rumänisch) Finanzierung des Projektes sichern können. Abschließend ein Artikel aus der Zeitung il XIX Secolo (italienisches Original, englisch durch Google Übersetzer).

Die zweite Meldung betrifft ein Projekt von Salvatore Lo Piano zu einem Film über das italienische Konzentrationslager Ferramonti di Tarsia. Unter dem Titel Ferramonti – Il campo nella palude (Ferramonti – Das Lager im Sumpf) scheint der aus Apulien stammende Regisseur zu planen eine fiktionalisierte Geschichte des Lagers zu erzählen. Das ist ganz interessant, denn die Geschichte der italienischen Konzentrationslager wird erst in den letzten Jahren systematischer aufgearbeitet. So sind in den letzten zehn Jahre sind drei der fünf Bücher über Ferramonti erschienen. Die italienische Wikipedia-Seite zum Lager weist übrigens auf einen weiteren fiktionalen Film zum Thema hin: 18000 giorni fa (Vor 18000 Tagen) (I 1993, R: Gabriella Gabrielli).
Dass das Projekt nun von der ohnehin recht regen Filmszene in Apulien2 angegangen wird, ist insofern passend, als ein großer Teil der italienischen Konzentrations- und Internierungslager im Süden Italiens lagen.

Die zweieinhalbste Information ist: Mario Martones Propagandafilm über das Risorgimento Noi credevamo (Die Fahne der Freiheit, I 2011) ist zwar ziemlich deutlich gefloppt und hat bei 4 Millionen (andere Quellen nennen 7 Millionen) Euro Produktionskosten nur etwa 1,4 Millionen Euro in Italien eingespielt und wurde vorsichtshalber auch nur mit 30 Kopien gestartet. Der Film ist so schlecht, dass mir meine Zeit zu schade ist, ihn zu verreissen. Damit das alles nicht ganz so peinlich bleibt, hat der Film nun 7 von 13 David di Donatello hinterhergeworfen gekriegt und zwar als:
Bester Film, Bestes Drehbuch (Mario Martone und Giancarlo De Cataldo), Beste Kamera (Renato Berta), Bester Drehbuchautorin (Emita Frigato), Beste Kostüme (Ursula Patzak), Beste Maske (Vittorio Sodano), Bester Friseur (Aldo Signoretti). Die drei für die Ausstattung gehen von mir aus in Ordnung, die Haare, die Maske und die Kostüme gehen in Ordnung. Wie die auf den Rest gekommen sind, ist unklar.

  1. Der Text ist übersetzt nach der Fassung der Verlautbarung auf a Sinistra. In einem Nachtrag dokumentiert die Seite auch Procaccis Erwiderung, in der dieser erklärt, es ginge nicht darum, präventiv die Zustimmung des Polizeichefs einzuholen. Zudem habe es laut Procacci „zahlreiche Kontakte zu jenen gegeben, die in diesen Tagen in Genua demonstrierten und auch zu einigen die in jener Nacht des 21. Julis in der Diaz waren.“ Weiters sei das Verfassen des Drehbuchs in enger Abstimmung mit dem Genova Legal Forum geschehen. []
  2. Die Apulia Film Commission ist eine der regsten Filmförderinstanzen in Italien, das Cinema del Reale von Paolo Pisanellis Big Sur ist eines der spannendsten Festivals in Italien. Vor ein paar Jahren durfte ich für das Zeughauskino mal eine Auswahl daraus kuratieren. []

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