Vorne weg

Es ist natürlich Unfug, wie ich hier auf dem Blog mit Tags und Kategorien um mich werfe, allein: ich denke es dient der Übersicht und dem Wiederfinden. Dennoch dürft Ihr mich gerne dafür beschimpfen.

Für Grundlagen der Beschimpfung empfehle ich: Carola Pohlen: Kategorien, die fiesen Biester. Identitäten, Bedeutungsproduktionen und politische Praxis, in: Jutta Jacob, Swantje Köbsell, Eske Wollrad (Hg.): Gendering Disability. Intersektionale Aspekte von Behinderung und Geschlecht, , transcript Verlag: 2010, S.95-111
Und kauft das Buch.

Djamila (Youssef Chahine, EGT 1958) (Bildwelten des Algerienkriegs I)

جميلة Djamila (die Algerierin) EGT 1958

http://www.youtube.com/watch?v=60Aq83LR7_c

Der Film ist eine Rekonstruktion der Entwicklung Djamila Bouhireds hin zum FLN, ihrer Verhaftung und Folter und der anschließenden Solidaritätswelle. Er beginnt mit einer Beschwörung der Bedeutung Algeriens nicht nur für Algerier_innen, sondern für die ganze arabische Welt. Dazu Bilder Algiers vom Meer aus, ein Landarbeiter, ein Laster der eine Straße heraufkommt. Kurz darauf wird der Landarbeiter von den Soldaten vom Lastwagen von seinem Land vertrieben. Das Land bekommen europäische Siedler. Der Landarbeiter zieht auf französischer Seite in den Zweiten Weltkrieg. Dies sind die ersten Szenen des Filmes und schon in ihnen wird die vehemente Kritik an der französischen Kolonialherrschaft deutlich. Diese Kritik beginnt in Djamila damit, dass es unter anderem algerische Kolonialsoldaten waren, die Frankreich im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen befreit haben im Gegenzug für das Versprechen der Freiheit. Die ersten vier Minuten lang begleitet ein Off-Kommentar wuterfüllt teils offenbar dokumentarische Bilder aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, elegant läßt Chahine dann die Protagonistin des Films Djamila1 als junges Mädchen auftreten. An dieser Stelle übernimmt eine weibliche Stimme den Off-kommentar.

Wenig später ist Djamila eine junge Frau, die auf dem Weg zur Schule von jungen Männern angebaggert wird. Die Stadt ist unterdessen gepflastert mit Fahnungsplakaten nach der Anführer der Aufständigen, Youssef.2

Mit dem Auto kommt man nicht in die Kasbah

Djamila ist in den Diskussionen über das Verhältnis zu den Franzosen und vor allem zu Algerier_innen, die mit den Franzosen kooperieren, immer auf Mäßigung aus. Selbst als sie beim Vater von Hassiba, mit der sie zur Schule geht, dem Richter Habib, miterlebt wie dieser vor Bigeard buckelt, kann sie sich beherrschen. Mit dieser Haltung wird sie in dem Film mit Fortgang der Handlung und der Zuspitzung der Konfrontation mehr und mehr zwischen ihren zunehmend militanteren Freundinnen und der französisierten Oberschicht zerrieben. Als im Radio die Verhaftung Ben Bellas bekannt gegeben wird und am nächsten Morgen französische Soldaten durch die Kasbah stürmen, hat sich die Aussicht, einer Mäßigung eigentlich schon erledigt.

Von Beginn an macht der Film am Beispiel Djamilas die zentrale Rolle von Frauen im algerischen Befreiungskampf deutlich.3 Ihr Onkel besteht darauf, dass sie sich bildet, denn Bildung sei die beste Waffe im Kampf gegen den Kolonisator. Bildung andererseits ist eine zweischneidige Sache, Djamila ist in dem Film auch diejenige, die trotz aller Bildung (und das hieß damals wie eine spätere Szene deutlich macht – koloniale Bildung) die aufrechte Algerierin bleibt, während viele andere sich französisieren.

Als Amina, eine Freundin Djamilas, sich umbringt, nachdem der Lehrer der Klasse sie bei den Franzosen verraten hat, und Djamila herausfindet, dass ihr Onkel einer der Anführer des Widerstands ist, radikalisiert sie sich und schließt sich dem Widerstand an. Bei dem Versuch Waffen und Munition zu den Kämpfer_innen zu schmuggeln, wird Djamilas Onkel verhaftet. Zwar wird er auf Bitten von Hassibas Vater schließlich freigelassen, aber nur wenig später wird er zum Anlaß eines Massakers. Djamila ist in ihrer Verzweiflung noch entschlossener. Im Feldlager der Aufständischen trifft sie schließlich sowohl Hassiba als auch deren Liebhaber Azzam wieder. Wenig später stellt sich heraus, dass auch Richter Habib eigentlich schon immer auf Seiten der Aufständischen war: nach einigen kruden Wendungen des Films ist schließlich ganz Algerien wie westlich es auch vorher teilweise gewesen sein mag, im Kampf gegen die Kolonisator vereint.

Nach der Verhaftung Djamilas gewinnt der Film in den Szenen ihrer Haft und der Folter durch Bigeard. In diesen Szenen mit den immer wiederkehrenden Gebeten Djamilas bekommt sie etwas von einer modernen Jeanne d’Arc. Vielleicht erinnern die Bilder aus diesem Teil des Films nicht zufällig an die Bilder Dreyers. Diese Parallele liegt um so näher als “Jacques Vergès” in seinem Plädoyer später sagen wird: “Was Sie mit Djamila gemacht haben, haben nicht einmal die Engländer mit Jeanne d’Arc gemacht.”

Als den Aufständigen ein Dokument in die Hände fällt, dass die Folter an Djamila belegt, starten sie eine Öffentlichkeitskampagne, denn: Sawt al-Arab4 wird der Welt die Wahrheit sagen. Das klappt auch so halbwegs. Die Franzosen sehen sich schließlich zu einem Prozeß gegen Djamila genötigt. Interessant ist Djamilas Aussage vor allem deswegen, weil in ihr das erste Mal der FLN direkt genannt wird.

Der Aufstand findet wegen der Lichtverhältnisse im Studio statt

Gegenüber dem wahrscheinlich bekanntesten Film zum Algerienkrieg, Gillo Pontecorvos La battaglia di Algeri (Die Schlacht von Algier) (I / DZ 1966), bleibt Chahines Film durchgängig als Studioproduktion erkennbar. Die Szenen, in denen die Widerstandskämpfer_innen über Dächer fliehen, erinnern denn auch eher an Filme wie Der Dieb von Bagdad (Ludwig Berger, Michael Powell, Tim Whelan, Alexander Korda, Zoltan Korda, William Cameron Menzies USA 1940 bzw. Arthur Lubin und Bruno Vailati I / F 1961). Der Film weiß denn auch über weite Strecken nicht, ob er sich nun in Richtung Liebesmelodram, realitätsnahem Reenactment oder pro-ägyptischer Propaganda entwickeln soll. Und so überzeugt das Ende des Films, Djamila wird zum Tode verurteilt und in Erwartung ihrer Hinrichtung stürmt die FLN was das Zeug hält zum Gesang der politischen Gefangenen bis Djamila noch einmal zu Wort kommt und am Ende die algerische Flagge weht.

Der Film ist in seiner pan-arabistischen Ausrichtung und der penetranten Werbung für Sawt al-Arab definitiv vor dem Hintergrund des Nasserismus zu sehen. Das führt teilweise zu recht bizarren Szenen, etwa wenn im “Hauptquartier” des Widerstands aus dem Radio eine Sendung zur Suezkrise kommt und der Anführer das mit den Worten kommentiert: “Sie wagen es, Ägypten anzugreifen? Das Herz der arabischen Nation anzugreifen! Wir werden ihnen eine Lektion erteilen!” Und dennoch: 1958 entstanden ist er etwa zeitgleich mit den ersten Filmen, die der FLN selbst drehen ließ fertig geworden. Rechtzeitig, um selbst noch Teil der Solidaritätsaktionen zu sein, mit denen Djamila Bouhired vor der Hinrichtung bewahrt wurde.5


Ankunft von Djamila Bouhired in Ägypten (auf Arabisch).


Jacques Vergès in L’avocat de la terreur über seine Rolle bei der Verteidigung Djamila Bouhireds (auf Französisch).

  1. (Djamila wird gespielt von Magda al-Sabbahi, die unter anderem in einigen Filmen von ‘Atif Salim mitgespielt hat. So in Fagr (Dawn) von 1955, Shate’ al-asrar (Hidden Shore) von 1958 und Thawrat al Yaman (Revolution in Yemen) von 1966. Neben ihrer Tätigkeit als Schauspielerin war al-Sabbahi bis in die 1990er Jahre offenbar als Produzentin tätig. Vgl. dazu Viola Shafik: Popular Egyptian Cinema, Cairo/New York: The American University in Cairo Press 2007, S. 190. []
  2. Der im Film nicht weiter ausgearbeitete Anführer soll wohl Yacef Saadi sein, der später unter anderem das Drehbuch zu Die Schlacht um Algier beisteuerte und das für die Produktion nötige Geld besorgte. []
  3. Zur Rolle der Frauen im algerischen Befreiungskampf siehe vor allem: Danièle Djamila Amrane Minne: La Guerre d’Algérie (1954-1962): Femmes au combat, Ryadh el Feth: Editions Rahma 1993 sowie dies.: Des femmes dans la guerre d’Algérie, Paris: Karthala 1994, dies. und Alistar Clarke: Women at “War”, in: Cineaste 9 [2007] 3. Vgl. auch Chris Kutschera: Algeria: What happened to Algeria’s Fighting Women?, in: The Middle East magazine, April 1996 []
  4. “The Voice of the Arabs”: zur Geschichte dieses ägyptischen Radiosenders siehe: Laura M. James: Whose Voice? Nasser, the Arabs, and ‘Sawt al-Arab’ Radio, in: Transnational Broadcasting Studies #16 [2006]. []
  5. Vgl. auch die hier wiedergegebenen Dokumente zur Inhaftierung Bouhireds, u.a. nach dem Buch General Massus “La vraie bataille d’Alger” und dieses Flugblatt zur Solidaritätskampagne in der Schweiz. []

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