They Do Not Exist ليس لهم وجود (Mustafa Abu-Ali, PAL 1974)

They Do Not Exist (auch als: They Have no Existence) ist einer der Gründungsfilme der Filmabteilung der PLO. Realisiert ist der Film von Mustafa Abu-Ali, der vorher mit Godard an Ici et ailleurs gearbeitet hat (angeblich ist der Film sogar mit der gleichen 16mm Kamera gedreht wie Ici et ailleurs). Abu-Ali soll vorher in London Film studiert haben und hat ab 1968 eine Reihe von Filmen gedreht, die sich um die Frage des palästinensisch-israelischen Verhältnisses drehen. Als ersten Film nennt die Filmographie auf Dreams of a Nation: No to the Option of Surrender (La Lil-Hal al-Salmi) (1968).

They Do Not Exist ist in neun Kapitel unterteilt:

1. Kapitel: Der Film beginnt mit einer langen Sequenz von Alltagsaufnahmen aus einem Flüchtlimgslager Nabatija in Palästina, die mit arabischer Musik unterlegt ist. Ein junges Mädchen in einem der Lager schreibt einen Brief an „ihren Bruder Feda’i“.
2. Kapitel: Der Brief wird zusammen mit dem Geschenk, das sie dazu gepackt hat abgeholt und einem Feda’i in einem Zeltlager im Wald zugestellt.
3. Kapitel: Mann verkündet mit starren Blick in die Kamera, dass dem „Imperialismus“ ja wohl alles zuzutrauen sei. Danach Auflistung der Verbrechen des Imperialismus (Vietnam, Mozambique, Indianer, Südafrika, die Verbrechen der Nazis)
4. Kapitel: Israelischer Luftangriff auf Nabatia unterlegt mit klassischer europäischer Musik. Bilder von Flugzeugen in der Luft, das Zitat von Golda Meir, dem der Titel offenbar entlehnt ist: „Palestians? Who[m] they are?! They never exist“. Im Anschluß Bilder vom Beladen von israelischen Flugzeugen mit Bomben. Noch ein Zitat „there is no Palestine… It does not exist“ Moshe Dayan
5. Kapitel: Folgen in Nabatia. Trümmer und v.a. Männer, die sich umgucken (ohne Ton). Eine leere Bahre wird vorbeigetragen, Menschen tragen Dinge aus den Trümmern.

6. Kapitel: Kommentar zum Camp. Ein Mann verliest in einer Art Pressekonferenz ein Statement, in dem er meint, an der Zerstörung des Lagers erkenne man die „faschistische Gesinnung der zionistischen Anführer in Israel“. Dann beklagt er „Nazi slogans are raised in Israel, they have brought up generations with hate against Palestinians“ und belegt das unter anderem mit einem angeblichen israelischen gegen die Palästinenser gerichteten Slogan „we must terminate them like insects“. Er schließt mit der Klage „the israel leaders want to increase the abyss between Arabs and Jews to avoid a peaceful coexisitence.“

7. Kapitel: Aussage eines Bewohners von Nabatia Stadt, der das Bombardement beschreibt.

8. Kapitel: weitere Aussagen von Bewohner_innen des Flüchtlingslagers.

9. Kapitel: schließlich schließt sich der Kreis des Films und der Feda’i Abu El Abed sitzt nachdenklich da und erinnert sich an das junge Mädchen, das ihm den Brief geschrieben hat.

Der Film ist aus heutiger Sicht unter anderem deshalb spannend, weil er zu einem Zeitpunkt entstand, zu dem sich die PLO eben vor allem als sozialistische Befreiungsbewegung verstand. Die Unterschiede zu heute sind immer wieder spürbar und sehbar in dem Film.

Interessant scheinen mir vor diesem Hintergrund vor allem zwei Punkte: erstens die Einreihung des Genozids des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Morde während des NS unter die Verbrechen des Imperialismus. Das ist interessant, weil unter anderem Omar Kamil immer wieder gezeigt hat, dass unter arabischen Intellektuellen heutzutage schon die Kenntnisse und das Anerkennen der deutschen Verbrechen als Völkermord ein Problem ist. Zweitens und das ist mir auch in den Filmen von Michel Khleifi schon immer mal wieder aufgefallen: der Gegner des palästinensischen Befreiungskampfes sind in den Filmen aus dieser Zeit nicht „die Juden“ (yahud), sondern eigentlich immer Israel. Ich bin nun damit überfragt, ob das nur in den Filmen so ist oder ob es diese Verschiebung von einer sozialistisch fundierten Auseinandersetzung zwischen einem „Volk“ (Palästinenser) und einem Staat, Israel hin zu einer religiösen Motivierung auch allgemein gibt – sie scheint mir jedoch bedenkenswert.

Zwei Artikelhinweise noch zu dem Film: Khaled Elayyan – A Brief History of Palestinian Cinema und ein Artikel von Annemarie Jacir.

Nachtrag:

den Film selbst gibt es hier zu sehen, in einer Kooperation zwischen dem ohnehin großartigen Ubuweb und dem Online Magazin Bidoun.

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