Rachid Bouchareb

Auf den diesjährigen Festspielen in Cannes gab es eine Auseinandersetzung über Rachid Boucharebs neusten Film Hors la loi. Nach Indigènes hatte sich Bouchareb mit London River erstmal nicht weiter mit französischer Kolonialgeschichte befaßt. In Hors la loi kehrt er nun zu diesem Thema zurück. Hors la loi schließt fast nahtlos an Indigènes an und dreht sich um das Massaker von Sétif, das aus einer Demonstration folgte, die nach einem Polizeieinsatz zu etwa 100 toten Europäern führte. Das eigentliche Massaker war die französische Reaktion: „Selbstverteidigungsmilizen“ mordeten in kolonialer Eintracht mit der französischen Armee. Das Ergebnis waren bis zwischen 10000 und 45.000 Tote.

Bouchareb hat sich vor Indigènes schon einmal mit einem Massaker am Ende des Zweiten Weltkriegs befaßt. In seinem Kurzfilm L’Ami y’a bon, der auch in der Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ zu sehen war. Zur Diskussion um die Ausstellung siehe unter anderem die Kommentare hier, zum Film selbst mehr hier. Das Massaker von Thiaroye war bereits 1988 Gegenstand eines Spielfilms des senegalesischen Regisseurs Ousmane Sembéne.

Die Debatte um Hors la loi ist entlarvend, weil es in ihr auch um die Frage geht, ob französisches Geld in Form von Produktionsförderung nur französische hegemoniale Geschichtsschreibung reproduzieren helfen soll, oder interessante und dann mitunter auch kritische Filme unterstützen soll. Neben dieser Frage scheint die Auseinandersetzung um den Film mal wieder allgemeine Fragen der Geschichtspolitik aufzuwerfen. So demonstrierten, wie Bernhard Schmidt berichtet, am 21.5. Politiker der UMP gemeinsam mit den Rechtsradikalen aus dem Umfeld des Front National. Kein Wunder wenn man die Stellungnahme desjenigen liest, von dem die Debatte ausging. Auf seiner Website hetzt Lionnel Luca wie folgt gegen den Film: „Il réécrit l’histoire de façon militante et partisane en assimilant l’armée et la police françaises à des criminels de guerre impitoyables. Surtout la version des évènements de Sétif est odieusement mensongère: il s’agit bien d’une falsification historique.“ („Er [Bouchareb; orcival] schreibt die Geschichte auf militante und kämpferische Weise um, indem er die französische Armee und Polizei erbarmungslosen Kriegsverbrechern gleichsetzt. Vor allem die Darstellung der Geschehnisse von Sétif ist unerträglich verzerrt: es handelt sich fast um Geschichtsfälschung.“)

Interessant ist, das kaum jemand aufgefallen zu sein scheint, dass schon Boucharebs Titel auf den Algerienkrieg verweist. Dabei war im Februar in Frankreich genau jener Film wieder angelaufen auf den Boucharebs Titel verweist: Tewfiq Fares‘ Les Hors-la-loi (Die Outlaws/Gesetzlosen). Fares‘ Film ist ein Klassiker des algerischen Befreiungskinos und setzt auch zeitlich nur wenig später ein.

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